Quadrifuge

Literarische Spätlese

Alt-Tegel… Die Bahn ist fast leer. Ich setze mich ans Fenster.
Auf den Plätzen neben mir sitzen zwei Obdachlose. Der eine wohlgenährt; „Wohlstandswampe“ denke ich noch so.
Der andere wie ein Bild von Zille: zahnlos, die Unterlippe so weit vorgeschoben, dass sie fast die Nase berührt. Dass die beiden obdachlos sind erfahre ich, weil sie sich über die „guten Plätze“ unterhalten. Darüber, unter welcher Brücke es „angenehm“ ist.

Mir gegenüber sitzen zwei Typen, ungefähr 30. Der eine aufgedreht und hibbelig, der andere bastelt gerade in aller Ruhe einen dicken, fetten Joint. Vermutlich für seinen aufgedrehten Kumpel, damit der runterkommt.

An der nächsten Station steigen die beiden Obdachlosen aus. Ihren Platz nimmt ein junger Bursche mit Hund ein. Die Plätze vor mir sind von einer Familie mit Kind besetzt. Das Kind albert lautstark herum – der Hund knurrt. Das Kind sitzt still und macht keinen Mucks mehr. Bis Herrchen und Hund aussteigen.

Ich habe noch fünf Stationen vor mir.

„Es gehört Dir…“ hatte sie ihm ins Ohr gehaucht in jener Nacht, als sie sich ihm nach wochenlangem Werben zum ersten Mal hingab, ihren zerbrechlich wirkenden Körper an ihn gepresst, sein Kopf auf ihrer linken Brust, ihrem Herzschlag lauschend. Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Irgendwann musste sie einsehen, dass sie zu ihm gehört.

Daran musste er sie wohl erinnern, als sie ihm sagte, sie könne nicht mehr mit ihm leben. Nicht so. Der erste Anflug von Zorn wich schnell einer völligen Verständnislosigkeit. Sie konnte doch nicht vergessen haben, wie sehr er sie liebt, wie sehr sie ihn braucht, dass sie füreinander bestimmt sind. „Du weißt ja nicht, was Du redest“, schlug er den versöhnlichen, väterlich-jovialen Ton an, mit dem er bisher noch jede Auseinandersetzung im Keim erstickt hatte, zog sie auf die Bettkante, erklärte ihr geduldig aber bestimmt, dass man fünf Jahre gemeinsames Leben nicht einfach so wegwirft, dass sie ohne ihn doch gar keine Chance hätte, wie verpflichtet sie ihm sei für all seine Fürsorge, erinnerte sie an das Versprechen, das sie ihm gegeben hatte, drückte sie dabei aufs Bett und zeigte ihr, dass er sie noch immer zu nehmen verstand. Als er sich zufrieden und ermattet zur Seite rollte, war das Thema für ihn erledigt.

In den nächsten Wochen fiel ihm zwar auf, dass sie schweigsam und verschlossen war, doch das war sicher nur ein Phase und würde sich wieder geben. Den Haushalt hielt sie wie gewohnt in Ordnung und ihren ehelichen Pflichten entzog sie sich nicht. Sie brauchte wohl nur etwas Zeit, um wieder zur Vernunft zu kommen.

Aber sie kam nicht zur Vernunft. Im Gegenteil, sie musste von allen guten Geistern verlassen sein. Das wurde ihm klar, als er sie zufällig beim Kofferpacken erwischte. Zufällig? Nein, das war kein Zufall. Es war Schicksal, dass er ausgerechnet an diesem Montag früher als gewohnt nach Hause kam. Ihr schmales Gesicht verlor jede Farbe, als sie aufblickte und ihn, am Türrahmen lehnend und sie beobachtend, entdeckte.

„Was soll das werden?“ Sein Tonfall war gepresst und es war deutlich zu spüren, wie viel Beherrschung es ihn kostete, ruhig zu bleiben. Sie war in die Ecke des Raumes zurückgewichen, stand dort wie gelähmt, unfähig, etwas zu sagen und starrte ihn an, wie das Kaninchen die Schlange. Erst, als er ins Zimmer getreten war und begann, Kleidungsstück für Kleidungsstück wieder aus dem Koffer zu nehmen, in den Schrank zurückzulegen und bei jedem Teil wie ein Mantra zu wiederholen „Das willst du doch nicht wirklich“, kam wieder Leben in sie. Tränen schossen ihr in die Augen und mit dem Mut der Verzweiflung riss sie die Kleidungsstücke, die er eben säuberlich in den Schrank gestapelt hatte, wieder heraus und warf sie zurück in den Koffer. „Ich kann nicht mehr,“ schluchzte sie dabei, „und ich will auch nicht mehr…“. Als wäre ein Damm gebrochen, sprudelte nun all das, was sie seit Wochen und Monaten an Unzufriedenheit in sich hineingefressen hatte, unaufhaltsam aus ihr heraus. Sie redete sich so in Rage, dass sie nichts um sich herum mehr wahrnahm. Auch seinen besorgten Blick nicht, mit dem er ihren Ausbruch beobachtete. Sie musste tatsächlich verrückt geworden sein. Ja, sie war krank. Eindeutig. Er musste ihr helfen, musste sie zur Besinnung bringen, ihr klar machen, dass sie zusammen gehören. Für immer. Es war seine Liebe, die er ihr ins Gesicht schlug, bis ihr Redeschwall in ein Wimmern übergegangen war und sie schließlich ganz verstummte.

Behutsam schloss er die Schlafzimmertür und ging zurück zum Bett. Wie friedlich sie dalag… Still legte er sich neben sie, küsste ihre kühlen Lippen und hielt schützend die Hände um das Herz, das vor Stunden aufgehört hatte, zu schlagen. „Es gehört mir…“ flüsterte er ihr dabei ins Ohr. „Du hast es mir versprochen“.

„Ich kann einfach nicht mehr. Keine Ahnung, wie lange ich das noch durchhalte. Manchmal denke ich, es ist besser, gleich Schluss zu machen.“
Sie hatte konzentriert aus dem Fenster geschaut bei diesem Geständnis. Es war ihr ohnehin schwer genug gefallen. Den mitleidigen Blick der Freundin hätte sie nicht ertragen.
„Du spinnst ja wohl?!“
Überrascht wandte sie sich dann doch der Freundin zu. Statt tröstender, mitfühlender Worte harsche Vorwürfe von ihr zu hören, damit hatte sie nicht gerechnet.
„Seit wann machst du es dir so leicht?“ schimpfte die derweil weiter.
„Ich mache es mir nicht leicht!“ wehrte sie empört ab.
„Wie würdest du es denn dann bezeichnen?“ fiel die Freundin ihr ins Wort und erstickte damit jeden weiteren Widerspruch. „Schluss machen… Super Idee! Klappe zu, Affe tot oder was? Nach mir die Sintflut?! Das nenne ich nicht nur feige, das ist auch verantwortungslos und egoistisch! Oder hast du mal darüber nachgedacht, was dann aus deinem Sohn wird? Wie der sich fühlen würde? Wie er überhaupt damit klarkommen sollte?! Der Junge ist gerade mal acht Jahre. Er braucht dich doch!“

Eine Woche war seit diesem Gespräch vergangen. Das waren sieben Tage, angefüllt mit Selbstvorwürfen, Verzweiflung und Mutlosigkeit. Das waren sieben Abende, eingehüllt in einem Nebel aus alkoholgeschwängertem Selbstmitleid. Und es waren sechs Nächte, in denen die Phantasie Katastrophenszenarien malte, die den so nötigen und erlösenden Schlaf trotz bleierner Müdigkeit in Schach hielten. Ihre Mutter hat recht behalten: sie ist eine Versagerin. Auf der ganzen Linie. Erst ging die Ehe in die Brüche und ihr Sohn muss ohne Vater aufwachsen. Und dann hat sie die Firma in den Sand gesetzt. Der Schuldenberg wird immer größer, der Gerichtsvollzieher geht ein und aus. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie aus der Wohnung fliegen. Und dann? Ja, sie hat versagt. Aber enden wie die Mutter? Sich jedem Kerl an den Hals werfen, der ein paar Euros locker macht und den letzten Rest an Selbstachtung im Alkohol ertränken? Dabei zusehen, wie das eigene Kind dabei vor die Hunde geht? Niemals!

Sie ist erleichtert, als das Morgengrauen endlich die letzte durchwachte Nacht beendet. Nach dem Frühstück verabschiedet sie ihren Sohn wie jeden Morgen mit einem Kuss auf die Stirn und entwickelt, kaum, dass er aus dem Haus ist, eine nahezu hektische Betriebsamkeit, bringt die Wohnung auf Hochglanz, putzt die Fenster, wäscht die Vorhänge, sortiert die Wäsche in den Schränken, bringt den Müll weg. Die Hauswirtin schaut ihr neugierig hinterher, als sie zum Einkaufen geht. So aufgeräumt und rausgeputzt hat sie sie schon lange nicht mehr gesehen.

„Was hältst du davon, wenn wir übers Wochenende wegfahren?“ überrascht sie ihren Sohn, als er aus der Schule kommt. „Eine kleine Entschädigung, weil du nicht mit auf Klassenfahrt konntest?“ Seinen ungläubigen Blick erwidert sie mit einem aufmunternden Lächeln, „du darfst sogar aussuchen, wohin“. Als er ihr stürmisch um den Hals fällt und sie mit seinen kleinen Armen ganz fest drückt, ist sie sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Und jetzt trink deinen Kakao, bevor er kalt wird.“ Nachdem er eingeschlafen ist, trägt sie ihn in sein Bett, geht zurück ins Wohnzimmer, um sich ihren Drink zu mischen, legt sich danach zu ihm und haucht einen Kuss auf seine kühle Stirn, bevor auch sie – das erste mal seit Wochen – die Augen schließt und hinüberdämmert.

„Aufwachen! Frau Wagner, können Sie mich verstehen?“
Sie fühlt die Schläge auf den Wangen. Sie hört die Worte. Aber sie versteht nicht. Wo ist sie? Wieso ist sie hier? Und wo ist ihr Sohn?
Nur ganz allmählich kommt ihr Bewusstsein zurück, mit dem Bewusstsein das Verstehen und mit dem Verstehen das Entsetzen.

Schon wieder hat sie versagt.

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