“Mach dir keine Sorgen Schatz. Ich verstehe das. Alles wird gut.”
“Ich verstehe das, ich versteh das”, äffte er sie gereizt mit sich überschlagender Stimme nach. “Einen Scheißdreck verstehst du! Und ich scheiß auf dein Verständnis!”

Er konnte ihren Altruismus einfach nicht mehr ertragen. Sie war wie Treibsand, aus dem es kein Entkommen gibt. Je heftiger er strampelte, umso schneller und tiefer sank er ein in diese weiche widerstandslose Masse, wurde regelrecht eingesogen, verschlungen, hatte das Gefühl zu ersticken.

Wann es begonnen hatte, konnte er nicht sagen. Hatte er sie doch dafür geliebt, dass sie nicht versuchte, ihn zu ändern. Wenn seine Kumpels klagten, was sie sich alles einfallen lassen mussten, um sich für den wöchentlichen Männerabend loszueisen, lächelte er mitleidig. Es gab keine Szenen, wenn er anderen Frauen nachschaute. Sie versuchte weder, ihn auf eine der ihm verhassten Familientreffen mitzuzerren, noch, ihm irgendwelche lästigen Pflichten aufzuzwingen. Klaglos akzeptierte sie alle seine Entscheidungen. Selbst als er entschied, dass Kinder für die nächsten Jahre nicht in seine Lebensplanung passten, war ihr Versuch aufzubegehren nur halbherzig und sie fügte sich schnell. Und er war froh darüber gewesen. Als sie ihm seinen ersten Seitensprung verzieh, war er erleichtert, dass sie ihm die bei anderen Frauen üblichen Vorwürfe ersparte.

Nein, er konnte nicht sagen, wann seine Zufriedenheit über ihre Fügsamkeit allmählich umschlug in Überdruss. Irgendwann begann er, sie bewusst zu provozieren, suchte Streit, nur um ihren Widerspruch zu wecken. Aber egal, was er tat – ob er sie für das Essen niedermachte, für das sie stundenlang in der Küche gestanden hatte, für ihren Literaturgeschmack, ihre Frisur, ihre Kleidung – sie reagierte mit einem milden Lächeln und einem verständnisvollen “Du hattest sicher einen schweren Tag. Ruh dich erst einmal aus und entspann dich”.

Aber er konnte sich nicht entspannen. Nicht, bevor er wenigstens einmal ihren Widerstand gespürt hatte. Im Gegenteil, ihr übertriebenes Harmoniebedürfnis wurde unerträglich für ihn, ja es wurde regelrecht zu seiner Obsession, sie an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit zu treiben, den Knopf zu finden, den er drücken musste, damit sie sich endlich zur Wehr setzt und sei es nur mit Tränen. Sie jedoch stritt nicht, klagte nicht – und weinte auch nicht. Sie fand für jede seiner Eskapaden, für jede seiner Attacken einen rechtfertigenden Grund, verständnisvolle, sogar tröstende Worte.
Aber statt ihn zu trösten, vergifteten sie seine Seele, mit jedem Wort, jedem Lächeln mehr, sammelten sich in seinem Magen, verdichteten sich zu einem eruptiven Gebräu aus Wut, Hass, Aggression und Hilflosigkeit. Er musste hier raus!

In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Überraschung, Fassungslosigkeit und Enttäuschung: nicht einmal ihr Körper hatte den ersehnten Widerstand geboten, als sich die in ihm angestauten Aggressionen in einem Schlag entluden, der sie zu Boden gehen ließ.

“Warum hast du nicht versucht, mich aufzuhalten?” murmelte er und brach schluchzend neben ihr zusammen.

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