Es ist nachmittags halb Fünf. Aber es ist schon beinahe dunkel und der Vollmond steht am Himmel. Wobei – diese stehende Redewendung vom am Himmel stehenden Mond trifft es nicht. Er scheint an dem Kran zu hängen, der seit Wochen direkt gegenüber meinem Fenster steht und beeindruckende Ausmaße hat. Und nun bestätigt sich mein Eindruck: nicht einmal unter dem Gewicht des vollen Mondes wankt das Ungetüm.
Ich vermute ja, das an der Fahrerkabine prangende, leuchtende runde Firmenschild hat den Mond angelockt.
Ich glaube, er will flirten. Fühlt sich wohl allein. Besonders jetzt, wo er so schön voll und in seiner ganzen Schönheit zu sehen ist, denn kein Wölkchen mag heute die Sicht verdecken. Dennoch fürchte ich, der Flirt wird einseitig und der Mond allein bleiben. Ganz oben ist es eben einsam…
Sie griff sich ins Haar und zog ohne jede Anstrengung ganze Büschel heraus, wenn sie mit den Fingern hindurch fuhr. Als sie sich nach vorn beugte, um die herausgezogenen Haarbüschel von den Fingern abzustreifen, fiel ihr Blick auf ihre Beine, die dicht und vollständig mit dunklem Flaum bedeckt waren. Ebenso wie Arme und Brustkorb. Die Brust selbst war nicht zu erkennen unter dem dicken Pelz. Das konnte allerdings auch daran liegen, dass die Brüste flach und wie leere Wasserschläuche bis zum Nabel herunter hingen. Gestoppt wurden sie von einem kugelförmigen Schmerbauch, dessen Fettfalte über das Schambein hing.
Sie schrie lauf auf. Und wurde von ihrem eigenen Schreckensschrei wach. Von all den Albträumen, die sie quälten, war das ihr grauenhaftester.
Du bist das Beste, was mir je passiert ist.
Klingt abgedroschen – ist aber so.
Und manchmal ertappe ich mich bei dem Wunsch, Dich eher getroffen zu haben.
Klingt verständlich – ist aber Quatsch.
Denn erst unsere gelebten Jahre mit all ihren Erfahrungen haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Sie haben uns, unsere Wünsche und Vorstellungen verändert. Vielleicht hätten wir vor ein paar Jahren noch gar nichts miteinander anfangen können: ich hätte Dich als einen arroganten Schnösel abgetan, Du mich als anstrengende Chaotin… und keiner von uns beiden wäre auf die Idee gekommen, den anderen näher kennenlernen zu wollen.
Deshalb verwerfe ich solche Gedanken ganz rasch.
Alles ist gut, so wie es ist.
Ich habe unruhig geschlafen und es treibt mich schon früh aus dem Bett.
Barfuß, noch im Schlafanzug trete ich mit der frischgebrühten Tasse Kaffee in der Hand hinaus in den Garten und beobachte das Schauspiel, das – so scheint es mir – heute nur für mich stattfindet: Die ersten zaghaften Sonnenstrahlen spielen Fangen mit dem Morgennebel, der aus den Wiesen aufsteigt, sich in die Äste der Bäume flüchtet und doch keine Chance hat, zu entkommen.
An vielen Ästen hängen noch die reifen Äpfel. Niemand hat sich die Mühe gemacht, sie zu pflücken. Wozu auch? Die Natur wird sich darum kümmern. Werden und Vergehen. So ist das Leben. Dieser Gedanke weckt in mir gemischte Gefühle. Es ist Herbst. Es ist der 3. Oktober. Es ist mein 50. Geburtstag. Werden und Vergehen…
Nun hat sie es also schwarz auf weiß: sie werden kinderlos bleiben.
Als der Brief kam, ließ sie ihn tagelang ungeöffnet, hatte einfach nicht den Mut, sich dem zu stellen, was sie erfahren würde. Dann aber siegte ihr Wunsch nach Klarheit, sie konnte die Ungewissheit nicht mehr ertragen.
Ja, irgendwie hatte sie mit diesem Ergebnis gerechnet. Aber es so schwarz auf weiß zu lesen, wirkte dennoch wie eine kalte Dusche.
Sie hatte ihm gesagt, dass sie am Wochenende Zeit für sich braucht, hatte ihre Tasche gepackt und war in die kleine Pension gefahren, in der sie beide oft ihre “Kuschelwochenenden” verbrachten.
Hier, allein an dem Ort, mit dem sie Liebe, Hoffnung, Zärtlichkeit, Vertrauen verband, hoffte sie, die nötige Stärke zu finden. Die Stärke und die Kraft, die sie brauchen würde, um die Enttäuschung in seinen Augen ertragen zu können, wenn sie ihm das Ergebnis mitteilt…