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“Es gehört Dir…” hatte sie ihm ins Ohr gehaucht in jener Nacht, als sie sich ihm nach wochenlangem Werben zum ersten Mal hingab, ihren zerbrechlich wirkenden Körper an ihn gepresst, sein Kopf auf ihrer linken Brust, ihrem Herzschlag lauschend. Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Irgendwann musste sie einsehen, dass sie zu ihm gehört.

Daran musste er sie wohl erinnern, als sie ihm sagte, sie könne nicht mehr mit ihm leben. Nicht so. Der erste Anflug von Zorn wich schnell einer völligen Verständnislosigkeit. Sie konnte doch nicht vergessen haben, wie sehr er sie liebt, wie sehr sie ihn braucht, dass sie füreinander bestimmt sind. “Du weißt ja nicht, was Du redest”, schlug er den versöhnlichen, väterlich-jovialen Ton an, mit dem er bisher noch jede Auseinandersetzung im Keim erstickt hatte, zog sie auf die Bettkante, erklärte ihr geduldig aber bestimmt, dass man fünf Jahre gemeinsames Leben nicht einfach so wegwirft, dass sie ohne ihn doch gar keine Chance hätte, wie verpflichtet sie ihm sei für all seine Fürsorge, erinnerte sie an das Versprechen, das sie ihm gegeben hatte, drückte sie dabei aufs Bett und zeigte ihr, dass er sie noch immer zu nehmen verstand. Als er sich zufrieden und ermattet zur Seite rollte, war das Thema für ihn erledigt.

In den nächsten Wochen fiel ihm zwar auf, dass sie schweigsam und verschlossen war, doch das war sicher nur ein Phase und würde sich wieder geben. Den Haushalt hielt sie wie gewohnt in Ordnung und ihren ehelichen Pflichten entzog sie sich nicht. Sie brauchte wohl nur etwas Zeit, um wieder zur Vernunft zu kommen.

Aber sie kam nicht zur Vernunft. Im Gegenteil, sie musste von allen guten Geistern verlassen sein. Das wurde ihm klar, als er sie zufällig beim Kofferpacken erwischte. Zufällig? Nein, das war kein Zufall. Es war Schicksal, dass er ausgerechnet an diesem Montag früher als gewohnt nach Hause kam. Ihr schmales Gesicht verlor jede Farbe, als sie aufblickte und ihn, am Türrahmen lehnend und sie beobachtend, entdeckte.

“Was soll das werden?” Sein Tonfall war gepresst und es war deutlich zu spüren, wie viel Beherrschung es ihn kostete, ruhig zu bleiben. Sie war in die Ecke des Raumes zurückgewichen, stand dort wie gelähmt, unfähig, etwas zu sagen und starrte ihn an, wie das Kaninchen die Schlange. Erst, als er ins Zimmer getreten war und begann, Kleidungsstück für Kleidungsstück wieder aus dem Koffer zu nehmen, in den Schrank zurückzulegen und bei jedem Teil wie ein Mantra zu wiederholen “Das willst du doch nicht wirklich”, kam wieder Leben in sie. Tränen schossen ihr in die Augen und mit dem Mut der Verzweiflung riss sie die Kleidungsstücke, die er eben säuberlich in den Schrank gestapelt hatte, wieder heraus und warf sie zurück in den Koffer. “Ich kann nicht mehr,” schluchzte sie dabei, “und ich will auch nicht mehr…”. Als wäre ein Damm gebrochen, sprudelte nun all das, was sie seit Wochen und Monaten an Unzufriedenheit in sich hineingefressen hatte, unaufhaltsam aus ihr heraus. Sie redete sich so in Rage, dass sie nichts um sich herum mehr wahrnahm. Auch seinen besorgten Blick nicht, mit dem er ihren Ausbruch beobachtete. Sie musste tatsächlich verrückt geworden sein. Ja, sie war krank. Eindeutig. Er musste ihr helfen, musste sie zur Besinnung bringen, ihr klar machen, dass sie zusammen gehören. Für immer. Es war seine Liebe, die er ihr ins Gesicht schlug, bis ihr Redeschwall in ein Wimmern übergegangen war und sie schließlich ganz verstummte.

Behutsam schloss er die Schlafzimmertür und ging zurück zum Bett. Wie friedlich sie dalag… Still legte er sich neben sie, küsste ihre kühlen Lippen und hielt schützend die Hände um das Herz, das vor Stunden aufgehört hatte, zu schlagen. “Es gehört mir…” flüsterte er ihr dabei ins Ohr. “Du hast es mir versprochen”.

“Mach dir keine Sorgen Schatz. Ich verstehe das. Alles wird gut.”
“Ich verstehe das, ich versteh das”, äffte er sie gereizt mit sich überschlagender Stimme nach. “Einen Scheißdreck verstehst du! Und ich scheiß auf dein Verständnis!”

Er konnte ihren Altruismus einfach nicht mehr ertragen. Sie war wie Treibsand, aus dem es kein Entkommen gibt. Je heftiger er strampelte, umso schneller und tiefer sank er ein in diese weiche widerstandslose Masse, wurde regelrecht eingesogen, verschlungen, hatte das Gefühl zu ersticken.

Wann es begonnen hatte, konnte er nicht sagen. Hatte er sie doch dafür geliebt, dass sie nicht versuchte, ihn zu ändern. Wenn seine Kumpels klagten, was sie sich alles einfallen lassen mussten, um sich für den wöchentlichen Männerabend loszueisen, lächelte er mitleidig. Es gab keine Szenen, wenn er anderen Frauen nachschaute. Sie versuchte weder, ihn auf eine der ihm verhassten Familientreffen mitzuzerren, noch, ihm irgendwelche lästigen Pflichten aufzuzwingen. Klaglos akzeptierte sie alle seine Entscheidungen. Selbst als er entschied, dass Kinder für die nächsten Jahre nicht in seine Lebensplanung passten, war ihr Versuch aufzubegehren nur halbherzig und sie fügte sich schnell. Und er war froh darüber gewesen. Als sie ihm seinen ersten Seitensprung verzieh, war er erleichtert, dass sie ihm die bei anderen Frauen üblichen Vorwürfe ersparte.

Nein, er konnte nicht sagen, wann seine Zufriedenheit über ihre Fügsamkeit allmählich umschlug in Überdruss. Irgendwann begann er, sie bewusst zu provozieren, suchte Streit, nur um ihren Widerspruch zu wecken. Aber egal, was er tat – ob er sie für das Essen niedermachte, für das sie stundenlang in der Küche gestanden hatte, für ihren Literaturgeschmack, ihre Frisur, ihre Kleidung – sie reagierte mit einem milden Lächeln und einem verständnisvollen “Du hattest sicher einen schweren Tag. Ruh dich erst einmal aus und entspann dich”.

Aber er konnte sich nicht entspannen. Nicht, bevor er wenigstens einmal ihren Widerstand gespürt hatte. Im Gegenteil, ihr übertriebenes Harmoniebedürfnis wurde unerträglich für ihn, ja es wurde regelrecht zu seiner Obsession, sie an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit zu treiben, den Knopf zu finden, den er drücken musste, damit sie sich endlich zur Wehr setzt und sei es nur mit Tränen. Sie jedoch stritt nicht, klagte nicht – und weinte auch nicht. Sie fand für jede seiner Eskapaden, für jede seiner Attacken einen rechtfertigenden Grund, verständnisvolle, sogar tröstende Worte.
Aber statt ihn zu trösten, vergifteten sie seine Seele, mit jedem Wort, jedem Lächeln mehr, sammelten sich in seinem Magen, verdichteten sich zu einem eruptiven Gebräu aus Wut, Hass, Aggression und Hilflosigkeit. Er musste hier raus!

In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Überraschung, Fassungslosigkeit und Enttäuschung: nicht einmal ihr Körper hatte den ersehnten Widerstand geboten, als sich die in ihm angestauten Aggressionen in einem Schlag entluden, der sie zu Boden gehen ließ.

“Warum hast du nicht versucht, mich aufzuhalten?” murmelte er und brach schluchzend neben ihr zusammen.

Alex hatte sie einfach weggeschickt. Nichts konnte ihn umstimmen. Nicht ihr Bitten und auch ihr Weinen nicht. Und als sie sich aufs Drohen verlegte, warf er sie schließlich raus. Der Gedanke, nun nichts mehr zu verlieren zu haben, ließ sie danach bis an die Grenze der Erschöpfung gegen seine Wohnungstür hämmern.

Es war bereits dunkel, als sie sich auf einer Bank am Taxistand unweit seiner Wohnung wiederfand. Ihr Zorn war einer niederschmetternden Traurigkeit gewichen und sie begann wieder hemmungslos zu weinen. Wobei ihr selbst nicht ganz klar war, weswegen sie weinte: der verlorenen Liebe wegen, seiner Herzlosigkeit wegen oder wegen ihrer Unbeherrschtheit, mit der sie sich endgültig jede Chance verscherzt hatte. Je mehr sie über die Vorkommnisse der letzten Stunden nachdachte, umso größer wurde das Chaos in ihrem Kopf. Wie ein Häufchen Elend in sich zusammengesunken und schluchzend an diesem verwaisten Taxistand sitzend, bot sie ein mitleiderregendes Bild. Nicht einmal, als ein Wagen vorfuhr und unmittelbar vor ihr zum Stehen kam, hob sie den Kopf.

“Wartest du auf ein Taxi?”
Der Fahrer lehnte sich auf die Beifahrerseite und öffnete einladend die Tür. Als sie lediglich stumm den Kopf schüttelte ohne aufzusehen, stieg er aus und kam auf sie zu.
“Alles klar bei dir?” Wieder schüttelte sie stumm den Kopf, schaute ihn jedoch dabei an.
“Oh! Ich sehe schon”, er machte einen weiteren Schritt auf sie zu, “da braucht jemand dringend eine Kleenex-Box. Kann ich allerdings leider nicht mit dienen”, er griff in die Tasche seiner Wildlederjacke, holte ein zusammengeknülltes Taschentuch heraus und reichte es ihr, “aber vielleicht tut es ja auch das hier.” Nachdem sie dankend abgelehnt hatte, stopfte er das Tuch in seine Tasche zurück und streckte ihr die nun freie Hand entgegen.
“Harry”, stellte er sich vor, “man nennt mich auch den Tränenflüsterer. Wer hat dich denn so geärgert, meine Schöne? Apropos schön… eine schöne Frau wie du sollte nicht mitten in der Nacht tränenüberströmt und einsam auf einer Bank sitzen.” Sie nahm die dargereichte Hand zwar nicht, verzog jedoch das Gesicht zu einem etwas verunglückten Lächeln. Die freundliche Aufmerksamkeit tat ihr gut.
“Das willst du gar nicht wissen”, schniefte sie und wischte mit den Handrücken die Tränen aus den Augen, “und ich bin Paula”.
“Fein. Jetzt, wo wir das geklärt haben… Auf ein Taxi kannst du hier lange warten. Was meinst du? Soll ich dich nach Hause fahren?” Sie musterte ihn kurz. Eine blonde Strähne fiel über braune Augen mit einem freundlichen, offenen Blick, volle Lippen, Dreitagebart, die Kleidung leger, die Hände gepflegt, die Figur sportlich. “O.k., ich hätte nichts dagegen.”

Galant schloss er die Beifahrertür, bevor er selbst einstieg. “Du sagst mir, wo es hin geht? O.k., dann mal los. Und vergiss das Anschnallen nicht.” Er ließ den Motor an, suchte im Autoradio einen Sender mit Tanzmusik und fuhr los. Anfangs versuchte er immer wieder, ein Gespräch in Gang zu bringen, gab aber schließlich auf, denn Paula blieb einsilbig, kämpfte noch immer mit den Tränen bei den Gedanken an Alex, grübelte darüber nach, wieso er ihre Beziehung einfach so beendet hatte.

“Jetzt hör endlich auf zu heulen!” Der barsche Tonfall riss sie endlich doch aus ihrem Gedankenkarussell. Überrascht schaute sie auf und stellte fest, dass der Wagen irgendwo in der Pampa mitten auf dem Feld stand. Das ungute Gefühl, das sie bei dieser Feststellung beschlichen hatte, wich zunehmender Angst, als sie sich zu Harry umdrehte. Die freundlich blickenden Augen hatten sich zu böse funkelnden Schlitzen verengt, ein kalter Zug umspielte die Lippen, die muskulösen Arme wurden zur Bedrohung. Wie bedrohlich, sollte sie schnell merken, als er ihren Gurt löste und sie an sich heran zog.

“Stell dich nicht so an!” schnauzte er, als sie sich zu wehren versuchte. “Die ganze Fahrt über höre ich mir dein Gegreine an. Madame ist zu fein, mir die Hand zu geben. Madame ist auch zu fein, mit mir zu reden. Aber nach Hause fahren darf ich Madämchen natürlich. So läuft das nicht.”

Mit einem Ruck reißt er ihre Bluse auf, versucht, mit einer Hand ihre Jeans zu öffnen, während die andere Hand ihre Arme nach oben drückt. Als sie schreit, schlägt er ihr hart ins Gesicht. “Niemand hat dich gezwungen, in mein Auto zu steigen”, keucht er, “also mach jetzt nicht so ein Theater”. Ihre Gegenwehr wird immer schwächer. “Bitte… bitte hör auf… lass mich raus” schluchzt sie. Sie hat keine Chance.

Als er fertig ist, öffnet er die Beifahrertür und stößt sie aus dem Wagen.
“Du willst raus? Bitte sehr!” Damit knallt er die Tür wieder zu, fährt davon und lässt sie zurück.

Die Nacht war mild. Sie roch nach dem Dunst der Großstadt, dem Mief des Kietzes, in dessen heruntergekommenen Kaschemmen die Verzweifelten und Einsamen ihre Resignation ertränkten, und mit jedem ihrer weit ausholenden Schritte, die sie ihm näher brachten, mehr und mehr nach Freiheit und Abenteuer.

Mit ihm würde alles anders werden. Mit ihm war alles aufregend. Aufregend und schön. Er war aufmerksam, liebevoll, zärtlich, charmant. Er war all das, was dieser Langweiler, den sie gerade verlassen hatte, nicht war. Zumindest nicht mehr. Anfangs hatte natürlich auch er sich Mühe gegeben und sie umworben. Aber nachdem sie verheiratet waren wurde er zusehends zu dem langweiligen Loser, der er jetzt war: zu müde von der Arbeit kommend, um auszugehen, zu blind, um ihre Bemühungen um ein kuscheliges Zuhause zu würdigen, zu geizig, um ihre bescheidenen Wünsche zu erfüllen, zu schlaff, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Er wusste sie einfach nicht genug zu schätzen. Er hatte sie und ihre Liebe nicht verdient!

Ihr Schritt war während dieser Überlegungen trotz der schweren Taschen, in die sie rasch und wahllos alles hineingestopft hatte, was ihr unter die Finger kam, und die ihr bei jedem Schritt unangenehm gegen die Waden schlugen, unwillkürlich noch entschlossener geworden. Was war schon diese kurze, unangenehme Plackerei gegen das neue Leben, das vor ihr lag. Ein Leben mit ihm – Antoine… Allein der Klang dieses Namens verursachte ihr wohlige Schauer. Wieder und wieder ließ sie ihn sich auf der Zunge zergehen. Antoine… Ein Name, der so viel verspricht. Und ein Mann, der hält, was sein Name verspricht.

Mit ihm würde sie all die Städte sehen, von denen er so aufregend wie unterhaltsam zu erzählen wusste. Er hatte sie alle bereist – Paris, Rom, Venedig, Genf, Wien – kannte sie, wie seine eigene Westentasche und wollte ihr all die geheimen Plätze zeigen, an die sich kein Tourist verirrt. Seine Lieblingsplätze – und nur mit ihr wird er sie teilen. Welch aufregender und zugleich romantischer Gedanke.

Beflügelt von derlei Phantasien erreichte sie schließlich, vor Erschöpfung und Aufregung zitternd, seine Haustür. Nur lächerliche 86 Stufen trennten sie jetzt noch vom großen Glück. Wie gern wäre sie ihm, atemlos immer zwei Stufen auf einmal nehmend, entgegen und in die weit geöffneten Arme geflogen. Genau so wie ihre Vorbilder in den Liebesfilmen, die sie aufsog, wie ein trockener Schwamm: allen Widrigkeiten trotzend, unbeirrt um ihre Liebe kämpfend und selbiger zum Sieg verhelfend. Das große Finale, in dem sich die Liebenden endlich glückselig in die Arme sanken, rührte sie jedes mal zu Tränen. Und auch jetzt, zur Heldin im eigenen Liebesfilm avanciert, tupfte sie verstohlen ein paar Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln, bevor sie zum großen Finale schritt und auf den Klingelknopf drückte. Leider hinderten sie zwei schwere Taschen und 86 Stufen am Fliegen, aber seine Freude über ihren überraschenden Entschluss würde sie für diesen kleinen Wermutstropfen doppelt und dreifach entschädigen.

“Oh Cherie, welch wundervolle Idee dein Überraschungsbesuch ist”, begrüßte sie der Geliebte dann auch schon an der Tür. “Du willst verreisen?” setzte er mit einem fragenden Blick auf ihr Gepäck hinzu. “Das auch, Liebster… das auch. Einmal mit dir rund um die Welt.” Sie seufzte tief und heftig. “Für den Anfang genügt es mir aber, einfach nur bei dir zu sein.” Und jetzt endlich war der ersehnte Augenblick gekommen, alle Last von sich und sich selbst in die starken, zuverlässigen Arme des geliebten Mannes fallen zu lassen. Das sich anschließende ausgiebige Liebesspiel war von einer brennenden Leidenschaft, die nur von seiner Begeisterung über ihren mutigen Entschluss geschürt sein konnte, ihren Mann zu verlassen und sich ganz ihm zu schenken. “Oh ja”, stöhnte sie erhitzt und selig, “liebe mich, als ob es kein Morgen gäbe.”

Es waren noch keine sechs Wochen vergangen, als sie begann, sich zu ihrem verlassenen Langweiler zurück zu wünschen. Der ging wenigstens einer geregelten Arbeit nach und brachte Geld nach Hause. Und sonntags ging er sogar mit ihr essen. Während ihr Möchtegernfranzose Antoine, der, wie sich herausstellte, in Wirklichkeit schnöde Anton hieß und noch nie aus dem Kietz herausgekommen war, sich mit Aushilfsjobs über Wasser hielt und ständig an ihr herummäkelte. Als er sie schließlich sogar arbeiten schicken wollte, wusste sie, was sie zu tun hatte.

Diese schwüle Nacht, die dem nahezu tropisch heißen Tag folgte, bot den willkommenen Anlass, sich mit Rainer zum Schwimmen zu verabreden.

Ich liebe den Zauber, der vom nächtlichen Schwimmen in einem See ausgeht: die fast majestätische Schönheit des bewegungslos daliegenden Wassers in der Dunkelheit, das prickelnde Gefühl, wenn es das Eintauchen des eigenen Körpers ist, das diese Bewegungslosigkeit beendet, das Gefühl des Einswerdens mit der Dunkelheit.

Nicht nur, dass der direkt hinter Rainers Haus liegende See die ideale Voraussetzung dafür bietet, sich wieder einmal diesem Gefühl hinzugeben, ich bin auch gern mit diesem Kerl zusammen, der so interessant und amüsant zu unterhalten weiß. Er bringt mich zum Lachen, selbst wenn mir gar nicht zum Lachen zumute ist, sein jungenhafter Charme ist irgendwie anrührend, seine Aufmerksamkeit hat nichts Aufdringliches. Kurz – er ist in den letzten Wochen zu einem guten Kumpel geworden, den man bedenkenlos am späten Abend anrufen kann, um sich mit ihm zum Schwimmen zu verabreden.

Als ich bei ihm ankomme, ist es bereits dunkel und Rainer erwartet mich schon vor dem Haus. Ich kenne den schmalen Weg, der zum See führt, gut. Aber es ist das erste mal, dass ich ihn nachts gehe und es hat etwas Beruhigendes, Rainer hinter mir zu wissen. Am See angekommen, verschlägt es mir für einen Moment den Atem, denn das Bild, das sich mir bietet, könnte aus einem Kitschroman stammen: die den See säumenden Bäume scheinen die Leibgarde seiner Majestät zu sein und über seine Unberührtheit zu wachen; der abnehmende Mond spiegelt sich in der schweren Schwärze des Wassers und taucht die Szene in diffuse Schatten; kein Laut stört die beinahe ehrfurchtsvoll anmutende Stille.

Das Aufklatschen eines von Rainer geworfenen Steines im Wasser bricht den Bann.
“Was ist?” ruft er mir vom Ufer her zu. “Wollten wir nicht schwimmen?”
“Und ob wir das wollen” rufe ich zurück, streife mir dabei die Bluse vom Körper, steige aus den Jeans und gehe hinunter zum Wasser, während Rainer es mir gleichtut und sich seiner Sachen entledigt.

Es ist phantastisch, dieses Gefühl, sinnlich, ja beinahe schon erotisch, wenn das kühle Wasser den erhitzten Körper umfängt. Es lässt sich nicht in Worte fassen. Es gibt nichts Vergleichbares. Man muss es erleben. Und so lasse ich mich ganz gefangennehmen von diesem Moment, lasse mich und meine Gedanken einfach treiben, bis sie von Rainer, der prustend auf mich zuschwimmt, in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.
“Na, Petra, schöne Erfrischung, was?” sagt er nur und schwimmt dann schweigend neben mir her. Was würde ich darum geben, jetzt seine Gedanken lesen zu können.

Eigentlich ist Rainer ja ein Kerl zum Verlieben, ein gestandenes Mannsbild, dessen Gesicht die Jahre nicht alt, sondern interessant gemacht haben und der immer noch eine gute Figur macht. Auch ohne Badehose, wie ich seit heute weiß. Einer, der genau so gut zuhören wie unterhalten kann, bei dem man das Gefühl hat, angekommen zu sein. Aber auch einer, den sein Beruf mit Beschlag belegt, der viel unterwegs ist, wenig freie Zeit hat. Genau wie ich. Nicht erst eine Beziehung ist an diesem beruflichen Engagement gescheitert, war es doch schon schwierig, Freundschaften unter diesen Voraussetzungen aufrecht zu erhalten.
Mit Rainer gelingt das bisher ganz wunderbar. Wir verstehen uns glänzend, können stundenlang und über alle möglichen Themen reden – wie gute Freunde eben. Ob er mehr in mir sieht, als eine gute Freundin? Manchmal, wenn ich einen seiner Blicke auffange, glaube ich ein Begehren darin zu erkennen. Aber das sind nur Momente. Und ich kann mich täuschen.

Ich schaue hinüber zu ihm, beinahe so, als ob ich auf ein Zeichen wartete. Er schwimmt noch immer schweigend neben mir, scheint mit den Gedanken anderswo zu sein und ich schelte mich selbst eine dumme Gans: “Als ob er deine Gedanken lesen könnte!”

Jetzt, in diesem Augenblick, wünschte ich, er könnte.