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“Ich kann einfach nicht mehr. Keine Ahnung, wie lange ich das noch durchhalte. Manchmal denke ich, es ist besser, gleich Schluss zu machen.”
Sie hatte konzentriert aus dem Fenster geschaut bei diesem Geständnis. Es war ihr ohnehin schwer genug gefallen. Den mitleidigen Blick der Freundin hätte sie nicht ertragen.
“Du spinnst ja wohl?!”
Überrascht wandte sie sich dann doch der Freundin zu. Statt tröstender, mitfühlender Worte harsche Vorwürfe von ihr zu hören, damit hatte sie nicht gerechnet.
“Seit wann machst du es dir so leicht?” schimpfte die derweil weiter.
“Ich mache es mir nicht leicht!” wehrte sie empört ab.
“Wie würdest du es denn dann bezeichnen?” fiel die Freundin ihr ins Wort und erstickte damit jeden weiteren Widerspruch. “Schluss machen… Super Idee! Klappe zu, Affe tot oder was? Nach mir die Sintflut?! Das nenne ich nicht nur feige, das ist auch verantwortungslos und egoistisch! Oder hast du mal darüber nachgedacht, was dann aus deinem Sohn wird? Wie der sich fühlen würde? Wie er überhaupt damit klarkommen sollte?! Der Junge ist gerade mal acht Jahre. Er braucht dich doch!”

Eine Woche war seit diesem Gespräch vergangen. Das waren sieben Tage, angefüllt mit Selbstvorwürfen, Verzweiflung und Mutlosigkeit. Das waren sieben Abende, eingehüllt in einem Nebel aus alkoholgeschwängertem Selbstmitleid. Und es waren sechs Nächte, in denen die Phantasie Katastrophenszenarien malte, die den so nötigen und erlösenden Schlaf trotz bleierner Müdigkeit in Schach hielten. Ihre Mutter hat recht behalten: sie ist eine Versagerin. Auf der ganzen Linie. Erst ging die Ehe in die Brüche und ihr Sohn muss ohne Vater aufwachsen. Und dann hat sie die Firma in den Sand gesetzt. Der Schuldenberg wird immer größer, der Gerichtsvollzieher geht ein und aus. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie aus der Wohnung fliegen. Und dann? Ja, sie hat versagt. Aber enden wie die Mutter? Sich jedem Kerl an den Hals werfen, der ein paar Euros locker macht und den letzten Rest an Selbstachtung im Alkohol ertränken? Dabei zusehen, wie das eigene Kind dabei vor die Hunde geht? Niemals!

Sie ist erleichtert, als das Morgengrauen endlich die letzte durchwachte Nacht beendet. Nach dem Frühstück verabschiedet sie ihren Sohn wie jeden Morgen mit einem Kuss auf die Stirn und entwickelt, kaum, dass er aus dem Haus ist, eine nahezu hektische Betriebsamkeit, bringt die Wohnung auf Hochglanz, putzt die Fenster, wäscht die Vorhänge, sortiert die Wäsche in den Schränken, bringt den Müll weg. Die Hauswirtin schaut ihr neugierig hinterher, als sie zum Einkaufen geht. So aufgeräumt und rausgeputzt hat sie sie schon lange nicht mehr gesehen.

“Was hältst du davon, wenn wir übers Wochenende wegfahren?” überrascht sie ihren Sohn, als er aus der Schule kommt. “Eine kleine Entschädigung, weil du nicht mit auf Klassenfahrt konntest?” Seinen ungläubigen Blick erwidert sie mit einem aufmunternden Lächeln, “du darfst sogar aussuchen, wohin”. Als er ihr stürmisch um den Hals fällt und sie mit seinen kleinen Armen ganz fest drückt, ist sie sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. “Und jetzt trink deinen Kakao, bevor er kalt wird.” Nachdem er eingeschlafen ist, trägt sie ihn in sein Bett, geht zurück ins Wohnzimmer, um sich ihren Drink zu mischen, legt sich danach zu ihm und haucht einen Kuss auf seine kühle Stirn, bevor auch sie – das erste mal seit Wochen – die Augen schließt und hinüberdämmert.

“Aufwachen! Frau Wagner, können Sie mich verstehen?”
Sie fühlt die Schläge auf den Wangen. Sie hört die Worte. Aber sie versteht nicht. Wo ist sie? Wieso ist sie hier? Und wo ist ihr Sohn?
Nur ganz allmählich kommt ihr Bewusstsein zurück, mit dem Bewusstsein das Verstehen und mit dem Verstehen das Entsetzen.

Schon wieder hat sie versagt.

“Alex, bitte! Sie ist doch schließlich deine Mutter!”

Ich kann’s nicht mehr hören! Was soll mir so etwas sagen?! Schließlich hab ich’s mir nicht aussuchen können. Keiner hat mich gefragt. Ich bin einfach so ins Leben geworfen worden. Von dieser Frau, zu der ich Mutter gesagt habe, bis ich es besser wusste. Wenn sie eine Wahl gehabt hätte, wäre sie keine Mutter, hat sie mir mal gesagt. Schon gar nicht meine. Aber für eine Abtreibung war es zu spät, sagte sie. Strafe muss sein, sagte sie. Oft. Ihre Strafe war ich. Dafür sollte ich büßen.

Und ich habe gebüßt. Verstanden habe ich das damals natürlich nicht. Gefühlt schon. Denn egal was ich tat, um von ihr geliebt zu werden, ich erntete Ablehnung. Noch schlimmer als die Ablehnung allerdings war die Gleichgültigkeit. Sie schmerzte. Ziemlich lange sogar. Um so mehr, als auch sonst niemand da war. Aber irgendwann findet man sich ab. Vermutlich hätte ich unser Verhältnis sogar irgendwann als ganz normal empfunden.

Wenn ich mich nicht mit Micha angefreundet hätte, der neu in meine Klasse kam und eben so ein Außenseiter war wie ich. Und wenn der mich nicht nach der Schule mit nach Hause genommen hätte. Er hatte immer sturmfreie Bude bis nachmittags. Dann kam seine Mutter von der Arbeit. Sie war auch allein, genau wie meine Mutter. Das war aber auch alles, was die beiden gemeinsam hatten. An unser erstes Zusammentreffen erinnere ich mich, als ob es gestern gewesen wäre.

Sie sah müde aus, als sie nach Hause kam und ich wollte mich natürlich sofort verdrücken, bevor sie mich rausschmeißt. Sie aber meinte lächelnd, ich könne gern noch bleiben. Sie würde sich freuen, dass Micha endlich Anschluss gefunden hätte. Dabei strubbelte sie ihrem Sohn, der sich diese Prozedur nur widerwillig gefallen ließ, liebevoll durch die Haare. Dann schickte sie uns wieder zum Spielen.
“Die ist aber nett”, meinte ich zu Micha, während wir mit seinen Meerschweinchen Wettrennen veranstalteten.
“Hm”, nuschelte er zurück. “Könnte schlimmer sein.”
Er hatte ja keine Ahnung, wie recht er damit hat.

“Wann musst du denn zu Hause sein?”, fragte sie, als sie das nächste Mal nach uns schaute. “Nicht, dass sich deine Mutter Sorgen macht.”
Der Gedanke, dass sich meine Mutter Sorgen um mich machen könnte, kam mir so aberwitzig vor, dass ich ein bitteres Lachen hinunterschlucken musste.
“Sie hat Spätschicht”, log ich stattdessen.
“Und dein Vater?”
“Kenn ich nicht.”
“Dann bist du ganz allein?”
“Ja, meistens. Aber das bin ich gewöhnt.”
Wenn das so ist, kann ich gern noch mit zu Abend essen, sagte sie darauf und schaute mich dabei irgendwie seltsam an. Damals konnte ich diesen Blick – zwischen fragend-forschend und verständnisvoll-mitfühlend – nicht einordnen. Auf jeden Fall aber blieb ich an diesem Abend zum Essen. Und mit der Zeit sah mich Michas Mutter öfter als meine eigene Mutter.

Der war es recht. Sie fragte nicht, es interessierte sie nicht, ob und wo ich mich herumtrieb. Als ich sie, ich war inzwischen 16, mal wieder nach meinem Vater fragte und ob er abgehauen sei, weil sie ihn genau so behandelt hat wie mich, flippte sie völlig aus. Sie tobte, schrie, warf nach mir mit allem, was ihr zwischen die Finger kam und als ihr die Munition ausging, warf sie mich raus. Zum Glück fragte Michas Mutter auch diesmal nicht viel und nahm mich auf. Von diesem Tag an nannte ich sie “Mom”, denn sie ist mir bis heute mehr Mutter, als es meine eigene je war. Ihr hab ich es zu verdanken, dass ich heute einen Job habe, eine eigene Wohnung und dass ich nicht völlig verkorkst bin.

Und dann steht sie vor mir und hat wieder diesen Blick als sie sagt:
“Alex, bitte! Sie ist doch schließlich deine Mutter!”
“Sie ist keine Mutter!”, brülle ich. “Sie war nie eine Mutter! Warum nimmst du sie in Schutz?!”

Alles in mir wehrt sich gegen den Gedanken nach allem, was war, zu ihr zu gehen. Hat sie sich denn in all den Jahren auch nur ein einziges mal um mich gekümmert? Sich dafür interessiert, wie es mir geht, wie ich lebe? OB ich lebe?! Ich war ihr scheißegal von Anfang an. Immer war sie nur mit sich und ihrem Scheißleben beschäftigt. Das alles soll ich vergessen, nur weil ihr jetzt, sterbenskrank, plötzlich wieder einfällt, dass sie ein Kind hat?
“Nein, Mom. Du kannst alles von mir verlangen – aber das nicht!”
“Ich kann dich nicht zwingen, mein Junge. Du musst selbst wissen, was du tust. Ich hoffe nur, du bereust es nicht eines Tages.”

Das ist jetzt vier Wochen her. Nachdem ich der einzige Verwandte bin… war… stehe ich heute in dieser Wohnung, in der sich so gut wie nichts verändert hat seit damals, und ordne die Hinterlassenschaft meiner Mutter. Viel gibt es nicht zu ordnen. Die Sachen taugen kaum für die Altkleidersammlung, die Möbel können komplett auf den Sperrmüll. Ich suche nur noch die persönlichen Dokumente zusammen. Auf Erinnerungsstücke kann ich verzichten. Deshalb will ich den flachen schwarzen Karton, der mir in die Hände fällt, schon wegwerfen, weil ich Fotos darin vermute. Aber es sind keine Fotos darin. Es sind Zeitungsausschnitte, die mir entgegenfallen. Sie sind über 20 Jahre alt, schon ganz vergilbt. Und berichten über einen Gerichtsprozess. Zwei Männer wurden wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung angeklagt und verurteilt. Das Opfer, Marianne B., befindet sich noch immer in ärztlicher Behandlung.

Meine Beine versagen und ich lasse mich auf den schäbigen, ausgetretenen Teppich sinken. Mein Bewusstsein weigert sich, die Puzzle-Teile, die vor ihm liegen, zusammenzusetzen. Noch…

Das abgetragene Kleid war viel zu weit für ihren kleinen schmächtigen Körper, das kurze blonde Haar ungekämmt und zerzaust, der abgewetzte Rucksack schlug ihr bei jedem Schritt in die knochigen Kniekehlen. Sie kannte den Weg gut und strebte entschlossen ihrem Ziel entgegen. Aus diesem Grund fiel wohl auch niemandem auf, dass die Kleine ganz allein unterwegs war. Selbst der Busfahrer, an dem sie beim Einsteigen vorbei musste, gab sich mit der Antwort zufrieden, dass sie auf dem Weg zu den Großeltern sei. Die allerdings schlugen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mutterseelenallein und abgerissen, dabei aber glücklich und stolz bei ihnen auftauchte und brachten sie noch am gleichen Tag zurück nach Hause. Sie war keine fünf Jahre, es war ihr erster Fluchtversuch und sie lernte daraus. Wenn man ausreißen will ist es keine gute Idee, Zuflucht innerhalb der Familie zu suchen.

Diese Erfahrung beherzigte sie dann auch, als sie ein Jahr später wieder ihr Bündel schnürte, um davonzulaufen und überquerte als erstes die Brücke zum anderen Flussufer. Den ganzen Nachmittag verbrachte sie damit, flussaufwärts zu stromern und flache Steine über das Wasser hüpfen zu lassen. Bis sie die abendliche Kühle und die einsetzende Dämmerung endlich in das unbekannte, aber erleuchtete Labyrinth der Straßen trieb, in dem sie ziellos und verloren umherirrte, während ihre Entschlossenheit in dem Maße schwand, wie die Dunkelheit zunahm, und nach Stunden schließlich ein kleines, ängstliches Mädchen durch die Nacht lief, dessen Magen knurrte, dem die Füße schmerzten und das nur mühsam die Tränen niederkämpfte.

Als sie der Hunger vor dem Fenster eines Schnellrestaurants festhielt, lief ihr beim Anblick der Sandwiches in der Auslage unwillkürlich das Wasser im Mund zusammen. Der Anblick dieser für sie unerreichbaren Köstlichkeit nahm sie so gefangen, dass sie sich gar nicht loszureißen vermochte.
“Na Kleine, hast wohl Hunger?” schreckte sie eine Stimme aus ihrer Verzückung. Sie hatte den jungen Mann, der neben ihr stand und sie lächelnd und zugleich fragend musterte, nicht bemerkt.
“Nein”, log sie trotzig und ohne ihn anzusehen.
“Na, ob ich dir das glauben soll?” erwiderte er und zog dabei eine alberne Grimasse, wurde aber sofort wieder ernst. “Was machst du eigentlich so spät in der Nacht ganz allein hier draußen? Lass mich raten… du bist von zu Hause ausgebüxt.” Bei diesen Worten drehte sie sich doch zu dem Burschen um und schaute ihn erschrocken an, sagte aber kein Wort. “Hab ich mir’s doch gedacht”, fuhr er fort. “Pass auf, Kleine. Ich kann dich hier nicht einfach stehen lassen. Vorschlag: wir gehen jetzt zusammen da rein, ich hol dir etwas zu essen und dann bring ich dich nach Hause. Weißt du denn, wo es lang geht?” Sie schüttelte nur stumm den Kopf, während sich die Gedanken darin förmlich überschlugen. Zu Hause war der Vater, vor dessen Strafandrohung sie geflüchtet war; hier draußen war es kalt und dunkel, sie fror, sie hatte Hunger, sie war müde, sie hatte keine Ahnung, wo sie ist und sie wusste nicht, wohin. Vielleicht würde die Strafe zu Hause ja nicht ganz so schlimm ausfallen, wenn dieser junge Mann dabei wäre. Vor ihm würde sich der Vater bestimmt zusammenreißen.

“Hm, wenn du nicht weißt, wo es lang geht… kannst du dann wenigstens beschreiben, wo du wohnst?”
Sie nickte. Das konnte sie. In ihrer Umgebung kannte sie sich gut aus. Also erzählte sie dem Burschen vom Park hinter dem Haus, von der Schule direkt daneben, der kaputten Kirche neben der Seilbahn. Als das Wort “Seilbahn” fiel war er es, der nickte. “Alles klar. Ich weiß, wo das ist. Dann wollen wir mal.” Damit fasste er sie einfach bei der Hand, zog sie an die Theke des Restaurants und kaufte ein Salami-Brot, das sie jedoch – sei es aus Stolz, aus Scham oder einer Mischung aus beidem – trotz des nagenden Hungers nicht anrührte. Sie würde es zu Hause, dort, wo niemand zuschaut, essen.

Er hielt es noch immer in der Hand, als er nach einem schweigsamen Marsch, auf dessen letzten Metern er sie mit jedem Schritt mehr vorwärts ziehen musste, auf den Klingelknopf drückte. Wie befürchtet war es ihr Vater, der die Tür öffnete.
“Guten Abend. Sie hatte sich wohl verlaufen”, begann der junge Mann das Gespräch und gab der Kleinen einen Schubs in Richtung der Tür. “Aber es war kaum ein Wort aus ihr herauszukriegen. Das hier hat sie auch nicht angerührt”, fügte er hinzu und reichte dem Vater das verschmähte Wurstbrot.
“Ja, vielen Dank”, erwiderte der, schob seine Tochter in die Wohnung, nahm das Brot und schloss ohne weiteren Kommentar die Wohnungstür.

Er sprach kein Wort, als er sich danach seiner Tochter zuwandte. Aber die Ohrfeige war so kräftig, dass der kleine Körper durch den ganzen Flur geschleudert und erst von dem wuchtigen Kleiderschrank aufgehalten wurde. “Und jetzt sieh zu, dass du ins Bett kommst”, raunzte er dann noch, bevor er sich das Brot in den Mund schob und mit einem Bissen hinunterschluckte. Sie rappelte sich auf, schluckte die Tränen hinunter und wischte mit einer trotzigen Handbewegung das Blut weg, das von der Platzwunde an ihrer Schläfe über die Wange lief. Es hätte schlimmer kommen können. Wenn nur dieser nagende Hunger nicht wäre.

Ihre nächste Flucht würde sie besser vorbereiten.

“Jetzt rase doch nicht so, Frank.”
Er schaute auf den Tacho und nahm den Fuß leicht vom Gas. Sie hatte ja recht. Und warum die gute Stimmung nach dem wider Erwarten schönen Urlaub jetzt auf dem Heimweg noch gefährden. Ja, es war besser gelaufen, als er zu hoffen gewagt hatte. Zwar war es ein gutes Stück Arbeit gewesen, Petra von seinen Urlaubsplänen zu überzeugen, hatte sie doch jede Menge Ausflüchte gefunden, um einem “Familienurlaub mit einer Familie, die gar keine mehr ist”, zu entgehen. Aber wie so oft hatte er die besseren Argumente. Zwei davon saßen dösend auf der Rückbank: ihr siebenjähriger Sohn Felix und die neunjährige, sensible Anna, die unter den Streitereien der Eltern in den vorangegangen Wochen mehr zu leiden schien als ihr Bruder.

Sie hatten die freien Tage am Meer gut genutzt, viel gemeinsam unternommen. Während er mit dem begeisterten Felix am Strand den ausgeliehenen Drachen steigen ließ beobachtete er seine Frau, die mit Anna im frisch von den Wellen angespülten Sand nach Muscheln suchte; ihre schlanke Gestalt, die mit einem Tuch zusammengebundenen langen blonden Haare, die von der Seeluft geröteten Wangen, das unbeschwerte Lachen und spielerische Raufen mit der Tochter um die gleichzeitig entdeckte Muschel. Ihm wurde bewusst, wie blind ihn der Alltag für ihre nicht nur äußerliche Attraktivität gemacht hatte. “Ein Idiot, der das auf’s Spiel setzt” schimpfte er sich selbst und lächelte, als die Beobachtete seinen Blick erwiderte.

Auch Petra hatte während des Spiels mit der Tochter immer wieder einen verstohlenen Blick auf ihren Mann geworfen. So entspannt und liebevoll hatte sie ihn schon lange nicht mehr erlebt. Und wie glücklich Felix aussah. Bei diesem Anblick gratulierte sie sich selbst dazu, Franks Drängen auf diesen Urlaub schließlich doch nachgegeben zu haben. “Vielleicht”, dachte sie, “haben wir ja doch noch eine Chance.”

Abends fielen die Kinder, geschafft von der vielen Bewegung an der Seeluft und spürbar gelöst durch das entspannte Verhältnis zwischen den Eltern, freiwillig und beizeiten ins Bett. Diese ruhigen Abende für längst fällige Gespräche nutzend, versprachen sich Frank und Petra am Tag ihrer Abreise, die Chance wahrzunehmen, die ihnen dieses gegenseitige Wiederentdecken, das Besinnen auf die liebenswerten Eigenschaften des anderen bot.

“Erstaunlich”, sagte Petra, sich bequem auf dem Beifahrersitz zurücklehnend und lächelnd zu Frank hinüberschauend, “wie viel sich in fünf Tagen ändern kann. Vor diesem Urlaub dachte ich noch, unsere Ehe sei nicht mehr zu retten. Und jetzt…”

Die Polizei setzte noch in der Nacht eine 14köpfige Mordkommission ein und begann mit den Ermittlungen, nachdem Unbekannte einen ca. 6 Kilo schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke warfen. Er traf eine Frau, die mit ihrer Familie auf dem Heimweg aus dem Osterurlaub war. Sie war sofort tot, ihr Mann und ihre Kinder stehen unter Schock. Die Polizei sucht nach Zeugen.

Sie waren aneinander vorbeigelaufen.
Das erfuhr er von der Schwester am Empfang als sie ihm sagte, Herr Fischer hätte vor ein paar Minuten das Haus verlassen. “Sie müssten ihm eigentlich beim Hereinkommen begegnet sein. Er trägt einen hellblauen Blouson.”

Er war ihm begegnet, ohne ihn zu erkennen.
Wie hätte er ihn auch erkennen sollen. Erinnerung an ihn hatte er keine, kannte ihn nur von Fotos. Und die waren knapp 30 Jahre alt, zeigten einen jungen Kerl mit breiten Schultern, einem schmalen, braungebrannten Gesicht und vollem schwarzem Haar.

Nachdem er zurück auf der Straße war, entdeckte er den hellblauen Blouson auf der anderen Straßenseite. Er beobachtete dessen gebeugt gehenden Träger nur kurz. Viel Zeit blieb ihm nicht, wenn er ihn nicht aus den Augen verlieren wollte. Keine Zeit zu überlegen, wie er ihn ansprechen sollte. Das würde sich ergeben. Jetzt nur keine Angst vor der eigenen Courage.

Tänzelnd dem fließenden Verkehr ausweichend überquerte er rasch die Fahrbahn, schloss mit zügigen Schritten zu dem Mann im hellblauen Blouson auf und tippte ihm auf die Schulter. „Hi! Hast du fünf Minuten Zeit?“ Langsam drehte sich der Angesprochene um und schaute mit müden Augen auf zu dem jungen Burschen, der mindestens zwei Köpfe größer war als er selbst. „Bloß, wenn du ne Zigarette für mich hast. Kenn wir uns?“ Bereitwillig zog der junge Mann seine Zigaretten aus der Tasche, bot seinem Gegenüber eine an, nahm sich selbst auch eine und gab beiden Feuer. Während er mit tiefen Zügen inhalierte, studierte er das Gesicht vor sich: das Haar grau, aber immer noch voll, die Stirn zerfurcht, die Augen erloschen, die Wangen verhärmt und ebenfalls grau, der Mund, fast aller Zähne beraubt, eingefallen, für einen 53jährigen eindeutig zu alt aussehend.

Das aufkeimende Mitleid niederkämpfend antwortete er schließlich.
„Du wirst dich kaum an mich erinnern. Andreas, dein Sohn.“

„Ach – Andreas… wir ham uns ja lange nich gesehen. Groß biste geworden.“
Der Mann zeigte keine Gefühlsregung. Sollte er überrascht sein, dann verbarg er das sehr gut.

„Stimmt. Ich war drei und es ist 27 Jahre her.“

„Ach – so lange schon? Was machst’n du hier? Iss dein Bruder auch da?“

„Du erinnerst dich an meinen Bruder? Nein, der ist nicht da. Ich mache hier Kurzurlaub mit meiner Freundin. Und da dachte ich, ich schau mal, wie du lebst.“

„Die halten uns hier ganz schön knapp! Jeden Cent kriegste zugeteilt. Wie geht’s deiner Mutter?“

„Meiner Mutter geht’s gut. Danke.“

„Haste noch ne Zigarette für mich?“

„Natürlich…“ Er reichte ihm die Packung. „Bedien dich.“

Der Mann im hellblauen Blouson steckte die Packung ein. „Ich muss dann nämlich weiter. Ausgang iss bloß bis Sechse und ich muss noch zu trinken organisieren. Aber – war toll, dich zu sehn.“