Er hatte diese Vorliebe für Rot. Nicht nur beim Malen. Rote Schuhe, rote Lippen, rote Nägel übten eine Faszination auf ihn aus, die sich mir nie erschloss. Rot ist einfach nicht meine Farbe. Ich verbinde damit in erster Linie Blut und Schmerz. Umso verwunderlicher, dass wir überhaupt zusammenkamen. Kennengelernt hatten wir uns in einer Galerie. Ich stand vor “Rose meditative” von Dali.
“Du magst Rot?” sprach er mich an.
“Nein, nicht besonders”, gab ich zurück, “aber ich mag Rosen.”
So kamen wir ins Gespräch, das wir wenig später in mein Stamm-Café verlegten. Er erzählte mir, dass er malt, ich erzählte ihm, dass ich schreibe und wir kamen lachend überein, dass wir demnach die gleiche Leidenschaft teilen – der eine mit Pinsel und Leinwand, der andere mit Stift und Papier. Nach stundenlangen Gesprächen und nicht gezählten Drinks nahm ich ihn mit zu mir. Wir liebten uns gleich auf dem Teppich im Flur. Und er blieb.
Die ersten Monate waren unbeschreiblich. Wir inspirierten uns gegenseitig. Er las meine Geschichten und brachte auf die Leinwand, was sie in ihm auslösten. Ich ließ seine Bilder auf mich wirken und versuchte in Worte zu fassen, was mich dabei bewegte. Dazwischen liebten wir uns. Seine ersten Schreibversuche waren wie seine Bilder – expressionistisch, nicht fassbar, aber faszinierend. Meine ersten Malversuche taumelten zwischen farbenfrohen Klecksen und formlosen Schlieren. Aber ich war angefixt. Und wurde nach und nach besser. Dazwischen besuchten wir Galerien und Vernissagen, verbrachten halbe Nächte in Szene-Kneipen oder wir liebten uns. So vergingen Wochen und Monate, ohne dass wir auch nur eine Minute voneinander getrennt waren. Mein Leben war perfekt.
Dann trat Vanessa in unser Leben. Galeristin und mit allen gängigen Klischees behaftet: groß, schlank, apart, schwarzer Bubi-Kopf, grellrot geschminkte Lippen und Fingernägel. Ich wusste von Anfang an, dass sie es nicht nur auf seine Bilder abgesehen hatte. Als ich ihn darauf ansprach, winkte er nur lässig ab, das bilde ich mir nur ein. Ich gab mich damit zufrieden. Immerhin war das seine große Chance. Seine erste eigene Ausstellung. Normal, dass Vanessa bald bei uns ein- und ausging. Ihr gönnerhaft-freundschaftliches Getue mir gegenüber widerte mich an. Nur ihm zuliebe ließ ich es dennoch über mich ergehen. Ich hätte Talent, lobte sie meine immer noch stümperhaften Malversuche. Ich solle unbedingt dranbleiben. Und ich würde ihr eine große Freude machen, wenn ich mit dem ersten Werk, das ich dessen für würdig hielte, zu ihr käme.
Trotz meines unguten Gefühls glaubte ich ihm anfänglich, dass seine von da an häufige Abwesenheit durch wichtige Termine bedingt war, die ihn festhielten; akzeptierte, dass unser verebbendes Liebesleben nur auf ausstellungsbedingten Stress zurückzuführen war. Erfolg hat nun mal seinen Preis, sagte er immer wieder. Aber ich fragte mich immer öfter, welchen Preis er wohl zahlt. Bis ich eines Tages Gewissheit erhielt. Als er sich verabschiedete, um einen Termin mit einem Interessenten wahrzunehmen, und ich ihm heimlich folgte. Der Interessent, mit dem er sich traf, war groß, schlank, schwarzhaarig und hatte grellrot geschminkte Lippen und Fingernägel. Der Anblick des sich umarmenden und küssenden Pärchens traf mich trotz der Vorahnungen wie ein Faustschlag in die Magengrube. Bei dem Gedanken an die unverfrorenen Lügen, die mir die beiden wer weiß wie lange schon dreist aufgetischt hatten, und ihre widerliche Heuchelei wurde mir so schlecht, dass ich mich übergeben musste. Die Vorstellung davon, wie köstlich sich die beiden wohl über meine Dummheit und Leichtgläubigkeit amüsiert hatten, machte mich schwindelig. Ich sah nur noch rot.
Die Aufregung über sein plötzliches spurloses Verschwinden hielt sich in Grenzen. Ein exaltierter Künstler eben, dem der Erfolg zu Kopf gestiegen sei. Die knallten dann schon mal durch.
Einige Wochen später besuchte ich die diesmal ahnungslose Vanessa und brachte ihr mein erstes (und einziges) Werk, das mir ihrer würdig erschien.
“Was für ein unglaubliches Rot!” rief sie begeistert aus.
“Ja, nicht wahr? Ich habe auch mit sehr viel Herzblut daran gearbeitet, diesen Farbton hinzubekommen. Ich habe das Bild >> Rose meditative << genannt und nur für Dich gemalt. Als Erinnerungsgeschenk. Er hatte doch diese Vorliebe für Rot.”
Träge drehte sie sich auf den Bauch, um das Zifferblatt des Radioweckers erkennen zu können. “Oh Shit! Schon so spät!” fluchte sie, wand sich aus seinen Armen und sprang aus dem Bett. “Bleib doch heute Nacht hier.” Sein Blick ruhte fragend und bittend zugleich auf ihr, während sie hastig begann, sich anzuziehen. “Fang bitte nicht schon wieder damit an. Wir haben das doch schon zig mal durchgekaut.” Sie steckte die Bluse in die Jeans, raffte das lange braune Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und beugte sich, einen versöhnlichen Kuss auf seine Lippen hauchend, zu ihm hinunter. “Ich muss los. Bin schon viel zu spät dran”. Sie versuchte, seine Hand abzustreifen, die ihren Arm umfasst hatte, aber er ließ nicht los. “Wenn du mich liebst, dann bleibst du.”
Er biss sich auf die Lippen, bereute diesen Satz, kaum dass er ihn ausgesprochen hatte. Aber es war zu spät. Der Satz war gesagt, die Vereinbarung gebrochen. “Warum machst Du alles kaputt?” fragte sie. Ihre Stimme klang müde und brüchig.”Nicht nur, dass Deine Erpressung unfair ist. Wir hatten eine Vereinbarung.” Er ließ sie los und sprang auf. “Ja, hatten wir. Daran musst Du mich nicht erinnern. Aber Gefühle halten sich nun mal an keine Vereinbarungen. Und ich will und kann Dich nicht länger mit ihm teilen!” Sie wendete sich ab und ging zur Tür. “Dein Problem. Du wusstest von Anfang an, dass ich ihn nicht verlassen werde.” Er setzte zu einer Erwiderung an, suchte verzweifelt nach Argumenten, wollte sie zwingen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, aber sie stand schon in der Tür. “Machs gut”, war alles, was sie sagte, dann fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
Nun war es also doch geschehen. Sie hatte es kommen sehen, aber immer wieder erfolgreich verdrängt. Vermutlich wollte sie es sich auch nur nicht eingestehen, weil alles so gut lief. Die Fronten waren geklärt, ihre Dreiecksbeziehung hatte sich eingespielt, alle waren zufrieden. War sie tatsächlich so naiv gewesen, daran zu glauben, dass so etwas auf Dauer funktionieren kann? Erst jetzt nahm sie den Regen wahr, der eingesetzt hatte, und sie begann zu laufen. Nach Hause, wo ihr Mann auf sie wartete.
“Du kommst spät”, empfing er sie schon an der Tür. “Du warst bei ihm?”
“Natürlich”, sagte sie und wich seinem Blick aus. “Wie jeden Donnerstag.”
“Weinst Du etwa?”
Sie schüttelte den Kopf. “Nicht doch. Der Regen… Du solltest bei der Kälte nicht ohne Decke hier draußen stehen.”
Sie schob seinen Rollstuhl von der Diele in Richtung Küche. “Komm, ich mach uns einen heißen Tee.”
Sie wusste, dass es das letzte mal ist. Wusste es, seit die geplante gemeinsame Woche im Mai auf ein Wochenende geschrumpft war. So war nun mal sein Job. Sie wusste das. Hatte es von Anfang an gewusst. Was sie nicht gewusst hatte war, dass die Enttäuschung nicht nachlässt. Egal, wie viel Zeit vergeht. Sie lässt nicht nach. Im Gegenteil. Sie ist immer schwerer zu ertragen. Da hilft es auch nicht, jede Vorfreude auf ein Wiedersehen nach endlos scheinenden Wochen im Keim ersticken zu wollen. Alles, was sie damit erreichte war, dass sie schon beim Begrüßungskuss an den bevorstehenden Abschied dachte, nicht einmal die wenigen gemeinsamen Stunden genießen konnte, weil sich der Gedanke an die Trennung und die anschließende unbestimmte Wartezeit wie ein trüber Schleier auf ihr Gemüt legte.
Lange hatte sie sich gescheut, mit ihm darüber zu sprechen. Sie wollte nicht, dass er sich bedrängt fühlt. Er sollte nicht denken, sie würde klammern. Nach dem weihnachtlichen Fiasko mit tränenreichen Telefonaten aber hatte sie sich dann doch ein Herz gefasst, hatte versucht ihm zu vermitteln, wie sie sich fühlt und warum. Sie hätte es lassen sollen. Zumindest war das ihr erster Gedanke nach diesem Gespräch. Er begriff gar nichts, wusste nicht, worauf sie hinauswollte. Lachend zitierte er Jean Paul: “Wenn Frauen lieben, lieben sie ganz. Liebende Männer haben zwischendurch zu tun.” Er könne das unterschreiben. Nein – er fühle sich nicht bedrängt, beruhigte er sie dann noch. Und nein – er meint nicht, dass sie klammert, nur weil sie Sehnsucht hat, er kenne diese Sehnsucht schließlich selbst. Zum Abschied tröstete er sie dann noch mit dem Versprechen, dass diesmal nicht wieder so viel Zeit bis zum Wiedersehen vergeht. Und dass er auf jeden Fall mindestens eine Woche freischaufelt. Als Wiedergutmachung für die – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Wasser gefallenen Weihnachtstage.
Nachdem er fort war, fühlte sie sich hin- und hergerissen: Bauch gegen Kopf, Gefühl gegen Verstand, Hoffnung gegen Pragmatismus. Natürlich liebte sie ihn. Und glaubte zu wissen, dass auch er sie liebt. Aber sie liebten verschieden. Das hatte ihr Gespräch gezeigt, von dem sie nun doch froh war, es gesucht zu haben. Denn nun kamen zu der Erkenntnis, dass sie mit dem Warten und den ständigen Enttäuschungen auf Dauer nicht glücklich wird, die Zweifel hinzu, ob sich in ihrer Beziehung je etwas ändern wird.
Sie lag zusammengerollt im Lesesessel als sein Anruf kam. Im CD-Player lief “Rosenstolz”, ein Geschenk von ihm. Es täte ihm so unbeschreiblich leid, er habe wirklich alles versucht, aber mehr als ein Wochenende sei nicht machbar, bei aller Liebe nicht. Sie lässt ihn ihre Enttäuschung nicht spüren.
“Nicht schön”, sagt sie, “aber nicht zu ändern” und “ein Wochenende ist besser als gar nichts” und “lass uns das Beste daraus machen” und “ich freu mich auf dich”, sagt sie, bevor sie auflegt, während es in ihr ununterbrochen echot “bei aller Liebe nicht… bei aller Liebe nicht…”. Eine Floskel, wie sie unzählige Menschen in allen möglichen Situationen oft und gedankenlos benutzen. Für sie jedoch wird diese Floskel zu einem Schlüsselwort. “Liebe ist alles, alles was wir brauchen” klingt es aus den Lautsprechern. “Bei aller Liebe nicht” klingt es in ihrem Kopf. “Fang noch mal von vorne an” klingt es aus den Lautsprechern. Mit zwei raschen Handbewegungen hat sie die CD aus dem Player geholt, zerbricht sie, wirft die Teile auf den Boden und sich selbst heulend auf die Couch.
Als sie ihm am Samstagvormittag die Wohnungstür öffnet, strahlt sie, fällt ihm um den Hals, lässt nicht von seinen Lippen. Schließlich greift er sie einfach und trägt sie in den Flur.
“Du hast mir ja auch gefehlt”, lacht er dabei, “aber lass mich wenigstens erst mal meine Jacke ausziehen”. Wortlos hilft sie ihm aus der Jacke, zieht ihn ins Schlafzimmer, drückt ihn aufs Bett.
“Sag jetzt nichts”, flüstert sie, während sie seinen Gürtel löst und “Nein, nicht!” als er sie in den Arm nehmen und ihre Zärtlichkeiten erwidern will. Als er gekommen ist steht sie auf, küsst ihn und verlässt das Zimmer. Er bringt seine Sachen in Ordnung und folgt ihr.
“Es war das letzte mal, oder?”
“Ja, es war das letzte mal.”
Sie reicht ihm seine Jacke und bringt ihn zur Tür.
“Liebe allein reicht eben doch nicht.”
Die Frage „zu dir oder zu mir“ hatte sich gar nicht erst gestellt, denn bis zu ihrer Wohnung war es nur ein Katzensprung. Und sie hatte „sturmfreie Bude“.
Die Nacht war dann auch kurz gewesen. Oder lang. Je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtete. Nachdem sie übereinstimmend zu der Feststellung gelangten, dass Sex in der Badewanne wohl allgemein überbewertet wird, wechselten sie ins Schlafzimmer. Denn dort stand ein breites, angenehm viel Platz bietendes Doppelbett, das wesentlich mehr Spielraum ließ, wenn man dabei war, einen unbekannten Körper zu erforschen. Und das taten sie – neugierig und lustvoll, hemmungslos und intensiv. Bis sie erschöpft und zufrieden einschliefen.
Ein mit wachsender Lautstärke in sein noch schläfriges Bewusstsein dringendes „Aufwachen! Heee! Aufwaaachen!“ lässt ihn nach ihr greifen. Aber er greift ins Leere. Erst nachdem das blinde Tasten nach ihrem Körper erfolglos bleibt, zwingt er sich dazu, die Augen zu öffnen. Es kann nicht viel später als 6.00 Uhr sein. Das Zimmer liegt im Halbdunkel. Sie steht in der Tür, barfuß und frisch geduscht, den Bademantel nur lässig zugebunden, und beobachtet ihn bei seinen Bemühungen, zu sich zu kommen. „Aufwachen…“ wiederholt sie ihre Aufforderung, als sie sieht, dass er die Augen öffnet, „Zeit, aufzustehen. Du solltest langsam gehen.“
Er kneift die Augen zusammen, schiebt schmollend die Unterlippe vor, verkriecht sich dann unter der Decke und mault:
„Wie? Aufstehen? Komm wieder ins Bett. Lass uns dort weitermachen, wo wir gestern…nein…heute aufgehört haben.“
Sie zögert nur kurz, bevor sie die wenigen Schritte bis zum Bett geht und ihm die Decke wegzieht.
„Jetzt komm schon. Steh endlich auf. Die Kinder müssen bald hier sein und ich möchte nicht, dass sie dich hier sehen.“
Seine Augen sind noch immer zusammengekniffen, der eben noch schmollende Mund allerdings hat jetzt einen ähnlich verkniffenen Ausdruck.
„Du spinnst ja!“ faucht er, rollt sich aus dem Bett und schiebt sich, sie zur Seite rempelnd, an ihr vorbei ins Badezimmer.
„Willst du noch einen Kaffee, bevor du gehst?“ fragt sie, seinen Auftritt mit dem Mangel an Schlaf entschuldigend, durch die geschlossene Tür.
„Nicht doch! Mach dir bloß keine Umstände meinetwegen“ kommt es bissig zurück.
Kopfschüttelnd geht sie in die Küche und nimmt sich einen Kaffee. Was ist er auf einmal so zickig? Sie hatten einen schönen Abend, eine tolle Nacht und sind doch wohl beide auf ihre Kosten gekommen.
Als er fertig angezogen in die Küche kommt, hat er sich offensichtlich beruhigt. Versöhnlich legt er den Arm um ihre Taille und zieht sie an sich.
„Weißt du“, sagt er lächelnd, „ich dachte… vielleicht könnten wir… was hältst du davon, wenn wir uns am Samstag sehen?“
„Sei mir nicht böse“ antwortet sie freundlich aber bestimmt, sich seinem Arm entziehend, „aber wir hatten eine klare Absprache…“
So schnell, wie er sich beruhigt hatte, schlägt seine Stimmung wieder um.
„Tolle Art mit den Kerlen umzugehen, nachdem du deinen Spaß mit ihnen hattest.“
„Oh bitte, was soll das denn jetzt? Gestern Abend waren wir uns doch einig. Und deinen Spaß hattest du doch wohl auch oder?!“
Aber er steht schon im Flur, reißt seine Jacke vom Haken und dreht sich erst in der Wohnungstür noch einmal um.
„Weißt du was?“ spuckt er ihr noch ins Gesicht, bevor die Tür ins Schloss fällt, „du solltest Geld dafür nehmen.“
“Darf ich Dich nach Hause fahren?”
Er fuhr im Schritt-Tempo neben ihr her und schaute sie mit seinen graugrünen Augen treuherzig und um Zustimmung bittend an. Es war genau jener Dackelblick, der sie so in Rage brachte, weil ihn die Männer immer dann aufsetzten, wenn sie etwas erreichen wollten. Und so fertigte sie ihn kurz und bündig ab: “Danke, aber ich stehe nicht so gern im Stau!”
Sein Dackelblick wurde noch herzergreifender, aber er fuhr ohne den Versuch, sie umzustimmen, weiter. “Na wenigstens erspart er mir die übliche Anmache”, dachte Susi aufatmend und setzte den Heimweg fort.
Zwar hatte sie sich, seit sie in diesem Männerbetrieb arbeitete, schon ein ziemlich dickes Fell zugelegt, aber manchmal konnten die mehr oder weniger plumpen Anmachen der Kollegen schon ganz schön nerven. Ein unbewusstes Lächeln überflog ihr schmales Gesicht, als sie sich an ihren ersten Tag in der neuen Firma erinnerte. Damals war ihr allerdings gar nicht zum Lachen. Es war eher ein Spießrutenlauf, als sie das erste mal die Kantine durchquerte. Ungefähr vierzig Augenpaare verfolgten ihren Gang zum Kaffee-Automaten, musterten sie von Kopf bis Fuß, blieben zumeist an ihrem Busen hängen, der durch ihre schlanke Figur noch mehr ins Auge fiel als ohnehin schon. Es hatte sie damals allerhand Überwindung gekostet, diese taxierenden Blicke zu ignorieren und ruhig und scheinbar gelassen ihren Weg fortzusetzen.
Heute hatte Susi keine Probleme mehr damit, wenn die Männer sie anstarrten – sie wusste, dass sie trotz ihrer zwei Kinder eine sehr gute Figur hatte (was sie allerdings mehr oder weniger ihrer Scheidung verdankte, die sie einige Kilos kostete und dazu veranlasste, Frauen mit Gewichtsproblemen den weisen Ratschlag zu erteilen, sich öfter mal scheiden zu lassen). Zwar hasste sie es noch immer, wenn die Männer sie mit ihren Blicken auf ihren Busen reduzierten, aber sie nahm es wesentlich gelassener – wozu sich über etwas aufregen, was man doch nicht ändern konnte. Männer eben.
Als Susi am nächsten Morgen ins Büro kam, lag eine Rose auf ihrem Schreibtisch. Daneben ein Zettelchen: “Wünsche Dir einen schönen Tag. Michael” stand darauf. Susi überlegte kurz, ob ihr der Name bekannt vorkommen sollte. Aber das tat er nicht. Und viel Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, denn schon klingelte das Telefon, der Chef verlangte nach ihr und schnell war sie im Strudel des üblichen Arbeitstages gefangen.
Auf dem Nachhauseweg wiederholte sich das Spielchen vom Vortag:
“Darf ich Dich vielleicht heute nach Hause fahren?”
Susi lehnte wieder dankend aber bestimmt ab und wieder fuhr er ohne weitere Bemühungen weiter. Diesmal allerdings hatte Susi genauer hingeschaut. Sie kannte diesen Typen vom Sehen, er sah ziemlich gut aus, groß und schlank – eigentlich genau ihr Geschmack – und war in der Firma als Windhund bekannt. Und damit waren seine Chancen bei ihr gleich Null. Bei ihr würde er sauber abblitzen!
Eines allerdings musste man ihm lassen: Ausdauer hatte er. Seit zwei Wochen fand sie jeden Morgen eine rote Rose auf ihrem Schreibtisch, manchmal mit einem kleinen Gruß, manchmal auch ohne. Und jeden Nachmittag stellte er mit dem gleichen gewinnenden Lächeln und dem gleichen treuen Augenaufschlag die gleiche Frage. Und schließlich fand die alte Volksweisheit vom steten Tropfen und dem hohlen Stein wieder einmal ihre Bestätigung: Susi gab nach. Wobei zugegebenermaßen eingeräumt werden muss, dass nicht nur die steten Tropfen, sondern auch die Regentropfen, die an diesem Tag literweise vom Himmel fielen, ihren Anteil an Susis Sinneswandel hatten.
Sie ließ sich also neben ihn auf den Beifahrersitz gleiten und wappnete sich innerlich schon vorsorglich gegen seine – ob nun rhetorischen und gar handgreiflichen – Attacken.
“Ich bin Michael”, sagte er, strahlte wie ein zufriedenes Baby und fuhr los. Während der ganzen Fahrt plauderte er locker und unbeschwert drauf los, erzählte von seinem Job, seinen Hobbys, stellte Fragen, die sie lakonisch und knapp beantwortete, wovon er sich allerdings nicht im geringsten beeindrucken ließ.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass er nicht einmal nach dem Weg gefragt hatte. Wie selbstverständlich fuhr er zum Kindergarten, ließ sie aussteigen und wartete, bis sie mit ihren beiden Jungs wiederkam, um den Wagen dann direkt vor ihrem Haus anzuhalten. Er hatte ihren Gesichtsausdruck wohl richtig gedeutet und erklärte ihr, dass er, da sie schon nicht in seiner Nähe sein wollte, wenigstens ihre Nähe gesucht habe, indem er hinter dem Bus herfuhr, den sie täglich benutzte. Das war zwar tatsächlich mehr erklärend als beruhigend, aber was sollte eine Diskussion darüber jetzt noch bringen. Also verabschiedete sie sich kommentarlos, schnappte ihre beiden Jungs und ging ins Haus, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Auch am nächsten Morgen fand sie die schon zur Gewohnheit gewordene Rose auf ihrem Tisch und am Nachmittag erwartete er sie mit einem großen Strauß roter Rosen am Ausgang. Von nun an spielte Michael täglich den Chauffeur, war charmant, witzig und unterhaltsam. Nach und nach lockte er Susi damit aus ihrem Schneckenhaus. Sie fing an, ihn zu mögen. Aber was sie am meisten irritierte, faszinierte, reizte – sie konnte das Gefühl selbst noch nicht so recht definieren – war, dass er in den drei Monaten, die sie sich inzwischen kannten, nicht einmal versucht hatte, mehr bei ihr zu erreichen. Und dies ausgerechnet er, der als Frauenheld und Windhund bekannt war!
“Ist er vielleicht impotent? Oder schwul? Wieso unternimmt er nicht den leisesten Versuch, mich ins Bett zu bekommen? Da kann doch etwas nicht stimmen?! Es war ja o.k., sogar ausschlaggebend gewesen, dass er nicht mit der Tür ins Haus gefallen war, wie so viele andere Trampel. Aber so gar nichts?” Susi lag im Bett und grübelte, stellte Thesen auf und verwarf sie wieder und schlief schließlich mit dem Gedanken ein, dass gegen diese Ungewissheit nur ein Mittel infrage käme: Nämlich, es auszuprobieren!
Also rief sie am nächsten Tag ihre Freundin an und bat sie, sich um die Jungs zu kümmern.
“Klar, mach ich gern – kein Problem. Wurde eh höchste Zeit, dass Du endlich mal wieder das männliche Potential unter die Lupe nimmst”, frotzelte diese.
“Fein, morgen ist Freitag – das trifft sich gut”.
Susi überlegt, was sie anziehen soll. Es ist Sommer, es ist heiß – sie entscheidet sich für das “kleine Hellblaue”: schmale Träger, sehr eng und figurbetont, ohne BH zu tragen, sehr kurz. Zwar wird ihr das strafende Blicke ihres Chefs, missgünstige Blicke ihrer Kolleginnen und lüsterne Blicke der Männerbande in der Firma einbringen, aber das ist ihr egal. Ihre Neugier ist geweckt und wenn sie erst einmal neugierig ist, dann will sie es wissen!
Endlich… Freitagnachmittag. Micha wartet wie immer vor der Firma und sie bemerkt das Blitzen seiner Augen, als sie lächelnd auf ihn zugeht. Entgegen seiner sonstigen Art ist er heute während der Fahrt sehr schweigsam.
“Hast Du Sorgen?” fragt Susi scheinheilig. Aber Micha schüttelt nur abwesend den Kopf.
“Die Jungs sind bei meiner Freundin”, wirft Susi beiläufig ein, “was machen wir mit dem Rest des Tages?” Jetzt schaut Michael auf, versucht, in ihrem Gesicht, in ihren Augen zu lesen. Aber Susi hat die harmloseste und unschuldigste Mine aufgesetzt, deren sie fähig ist. Und sie ist sehr fähig.
“Gehen wir Eis essen?” schlägt Micha vor.
“Gute Idee”, nickt Susi. “Lass mich fahren, ich kenne ein wunderschön gelegenes, nettes Restaurant”.
Micha ist sofort einverstanden, fährt rechts ran und sie tauschen die Plätze. Beim Einsteigen lässt Susi ihren ohnehin sehr kurzen Rock noch etwas höher rutschen und eigentlich müsste Michael jetzt erblinden. Aber er schaut sie immer noch fragend und, wie es Susi scheint, etwas verunsichert an.
Sie fährt den Wagen aus der Stadt hinaus, über eine immer holpriger werdende Straße, die schließlich ganz aufhört und in einen Pfad übergeht, der in einen kleinen Wald führt.
“Na hopp, aussteigen!” sagt Susi munter und burschikos, “ein kleiner Spaziergang durch den schattigen Wald wird uns gut tun.” Jetzt ist Michas Nervosität nicht mehr zu übersehen. Er steigt aus, streicht sich eine Locke aus der Stirn, nestelt an den Knöpfen seines Polo-Shirts, steckt die Hände schließlich in die Taschen, um sie gleich wieder hinauszunehmen. Fast tut er Susi ein wenig leid. Sie schließt den Wagen ab, wirft ihm die Schlüssel zu, die er ungeschickt auffängt. Schließlich geht sie zu ihm, nimmt ihn bei der Hand und zieht ihn in Richtung Wald.
“Endlich raus aus der Sonne – es ist wirklich furchtbar heiß heute” kommentiert sie dabei.
“Ich glaube nicht, dass sich das im Wald ändert” nuschelt Micha kaum hörbar vor sich hin.
“Ah ja”, denkt Susi und lächelt verschmitzt. “Es ist nicht weit” sagt sie und drückt sich ein wenig näher an Michael. Hand in Hand schlendern sie los.
“Michael hatte recht”, denkt Susi, “von Abkühlung kann wirklich keine Rede sein”. Jetzt lässt Micha ihre Hand los, fasst sie leicht um die Taille und zieht sie sanft an sich heran. Ihre Hüften berühren sich bei jedem Schritt und es ist, als ob beide elektrisiert sind und bei jeder Berührung Funken schlagen. Schließlich bleibt Micha stehen, dreht sich zu Susi um, beugt sich zu ihr hinunter und küsst unendlich zärtlich ihre Stirn, die Nasenspitze, die Ohrläppchen und endlich ihre Lippen. Susi läuft trotz der Hitze ein Schauer über den Rücken, sie bekommt eine Gänsehaut, die feinen Härchen richten sich auf wie unzählige Sensoren, ihre Nippel werden hart und sie erwidert seine Küsse, die immer fordernder werden.
Sie weiß nicht, wie lange sie so gestanden haben, als Michael sich von ihr löst und sie sanft vom Weg hinunter ins Unterholz zieht. Beide sprechen kein Wort, halten sich nur fest bei den Händen und bahnen sich ihren Weg über Äste, Wurzeln und umgestürzte Bäume immer tiefer in den Wald, bis sich – überraschend und wunderschön – eine Lichtung auftut. Sie laufen los wie Kinder und lassen sich ins Gras fallen. Und nie wird Susi die nun folgenden Stunden voller Zärtlichkeit und Leidenschaft vergessen. Es gibt Situationen, die erlebt man nur einmal. Dies war für Susi eine solche. Seine Hände waren unbeschreiblich zärtlich und fordernd zugleich, seine Lippen brachten sie fast um den Verstand und nie wieder erlebte sie dieses vollkommene Einssein zweier Körper in dieser Intensität.
Erst, als die Sonne bereits am Untergehen war, ließen sie einander los und machten sich auf den Heimweg.