Er war klein und untersetzt, das graue Haar raspelkurz, das runde Gesicht hatte es sich auf einem Doppelkinn bequem gemacht, das ihm etwas Gemütliches gab, seine kleinen munteren Augen schienen ständig auf der Suche zu sein. Den ganzen Nachmittag verbrachte er damit, in der Ecke zwischen dem Verkaustresen und dem Zeitschriftenständer zu lehnen und die Kunden zu beobachten, die den kleinen Laden betraten. Die meisten waren in Eile, nahmen ihn gar nicht wahr oder beachteten ihn nicht, orderten nur knapp ihre Ware, schoben rasch das Geld über den Tresen und verließen das Geschäft mit schnellen Schritten. Mussten sie aber auf Karl, dem der Laden gehörte, warten, weil der sich im Hinterzimmer eine Zigarettenpause gönnte, oder schenkten sie ihm auch nur den Anflug von Aufmerksamkeit, dann war seine Chance gekommen: er verwickelte sie in ein Gespräch. Oder versuchte es zumindest, denn meistens drückten sich die Angesprochenen mit einem “Tut mir leid, ich muss wirklich weiter” aus dem Laden. Zu seinem Bedauern machte Karl allerdings seinem Mitteilungsbedürfnis auch irgendwann mit einem rüden: “Hau ab, Harry und hör auf, meine Kunden zu belästigen!” ein jähes Ende.
Dann machte er sich auf den Weg in “Edgars Stampe”, die aus einem verräucherten Schankraum mit sechs Tischen, einer klobigen Theke und dem immer gleichen Publikum bestand. Auch hier hatte er seinen Stammplatz in der Ecke. Dort saß er den ganzen Abend, hielt sich an seinem Bier fest und lud jeden Neuankömmling ein, sich zu ihm an den Tisch zu setzen. “Lass gut sein, Harry”, winkten die dann ab und pflanzten sich zu Edgar an die Theke. Nur Gertrud, eine verblühte Schönheit mit drallem Busen, setzte sich manchmal zu ihm, wenn ihr die Scherze der Männer an der Theke zu grob wurden. Dann schenkte sie ihm ein mütterliches Lächeln und fragte ihn, was es denn Neues gebe, während sie mit einem Ohr weiterhin den Gesprächen an der Theke folgte, bis einer der Kerls sie schließlich überredete, sich wieder zu ihnen zu gesellen. Wenn die alkoholgeschwängerte Stimmung dann ihren Höhepunkt erreichte, legte er die Münzen für sein Bier auf den Tisch, klopfte zum Abschied auf die Theke, ohne dass jemand groß Notiz davon nahm, und machte sich auf den Heimweg.
Manchmal drehten sich dann Passanten nach ihm um, wenn er, in Selbstgespräche vertieft, an ihnen vorbeilief.
Geliebte Schwester,
lange ist es her, dass du ein Lebenszeichen von mir erhalten hast. Bestimmt hast du dir schon große Sorgen gemacht. Aber ich kann dich beruhigen. Ich habe die beschwerliche Reise nach Deutschland gesund überstanden und es geht mir gut, auch wenn die Reise alles Geld, das ich dabei hatte, verschlungen hat.
Allein der Fahrer, der mich und noch dreißig Andere durch die Sahara nach Marokko gebracht hat, verlangte 200 Dollar. Bei Tag versteckten wir uns vor den Helikoptern und der sengenden Sonne. Nachts fuhren wir bei klirrender Kälte. Die Grenze nach Marokko überquerten wir zu Fuß. Dann brachte uns ein Lastwagen nach Tanger. Hier saß ich einige Wochen fest, weil die Küstenwache nicht bestochen werden konnte. Die Überfahrt mit dem Schlauchboot von Tanger nach Spanien hat mich dann 1.000 Dollar gekostet. Mit mir waren noch 45 Personen an Board. Viele Nigerianer und ein paar Marokkaner. Zehn Stunden dauerte die Fahrt. Der Wellengang wurde immer stärker und wir mussten das aufs Boot schwappende Wasser mit unseren Kappen zurückschaufeln. Viel hat nicht gefehlt und wir wären in der Statistik der auf der Flucht ertrunkenen Menschen aufgetaucht. Mindestens Viertausend soll es schon so ergangen sein. Aber wir hatten wohl einen Schutzengel. Zwar waren wir von der langen Fahrt und dem eisigen Wasser klatschnass und durchfroren, auch sehr hungrig und durstig. Aber wir kamen lebendig an. 1.000 Dollar – das letzte Geld, das ich noch hatte – verlangte der Schlepper, der mich schließlich von Spanien nach Deutschland brachte.
Nun bin ich hier, im reichen Deutschland, von dem ich glaubte, dass ich hier willkommen sei. Wo ich glaubte, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen, damit ich Euch unterstützen kann, damit sich die Entbehrungen, die die ganze Familie auf sich genommen hat, um das Geld für meine Reise hierher zusammenzusparen, gelohnt haben, damit ich eines Tages mit dem hier verdienten Geld zurück zu Euch nach Nigeria kommen und Euch ein menschenwürdiges Leben ermöglichen kann.
Meine ersten Erfahrungen hier waren allerdings eine große Ernüchterung. Die ersten Tage in einem Auffanglager kam ich mir vor, wie im Gefängnis. Es war dreckig und eng, ein Lager mit mehreren Hundert Menschen, umgeben von Stacheldraht. Zum Glück musste ich dort nicht lange bleiben. Ich wurde in einem so genannten “Asylantenheim” untergebracht. Hier sind wir vierzig Männer aus den verschiedensten Ländern in einem großen Saal voller Doppelstockbetten. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass das nicht ganz einfach ist. Nicht nur wegen der vielen verschiedenen Nationalitäten und Sprachen. Durch die fehlende Privatsphäre und weil es keine Möglichkeit gibt, sich zurückzuziehen, werden die Menschen schneller aggressiv. Wir haben hier kaum Kontakt zu Deutschen – abgesehen von der Polizei, die unser Heim sehr oft kontrolliert. Von den 40,00 Euro Taschengeld, die wir bekommen, kann ich leider nichts sparen – es geht für die alltäglichen Dinge drauf, wie Seife, Rasierklingen und Fahrkarten.
Die Sprache macht mir noch große Probleme. Zwar habe ich mich für einen Deutschkurs angemeldet, aber bisher ist noch nichts passiert und ich kann nur warten. Arbeit habe ich noch keine gefunden, denn zum Arbeiten braucht man eine Arbeitserlaubnis. Die bekommt man aber erst, wenn man eine Aufenthaltserlaubnis erhalten hat und mindestens schon ein Jahr in Deutschland ist. Ich habe aber gehört, dass es Arbeitsgelegenheiten für Leute wie mich gibt, die in einem Asylantenheim untergebracht sind und noch keine Aufenthaltserlaubnis haben. Ich kann zum Beispiel putzen gehen oder handwerkliche Arbeiten erledigen. Man verdient dabei nicht viel – umgerechnet ungefähr 2,50 Dollar die Stunde -, aber es ist besser, als untätig rumzusitzen und von Almosen zu leben.
Es macht mich traurig zu sehen, dass sich einige meiner Mitbewohner inzwischen aufgegeben haben. Wir hatten uns das wohl alle anders vorgestellt. Weißt du, wir werden hier manchmal ziemlich schlecht behandelt. Von manchen Menschen werden wir auch beschimpft und einige von uns haben durch die Situation und die Behandlung ihre Würde und ihren Stolz verloren. Einige dealen auch mit Drogen, um an Geld zu kommen. Für mich kommt das nicht in Frage, auch wenn der Weg durch die Instanzen und Behörden mitunter entwürdigend und deprimierend ist. Die Gedanken an Euch zu Hause und der feste Wille, mein Ziel zu erreichen, lassen mich durchhalten.
Wenn ich dir das nächste mal schreibe, werde ich dir von meiner Arbeit erzählen, die ich bis dahin gefunden habe und von meiner eigenen kleinen Wohnung. Versprochen!
In Liebe
Dein Bruder Momomi
Berliner Morgenpost vom 10.03.2006:
In den frühen Abendstunden erlag der nigerianische Asylant Momomi A. seinen schweren Verletzungen. Nach einem Zusammenstoß randalierender Jugendlicher im Volkspark Hasenheide in Berlin-Neukölln war der 23jährige Nigerianer mit mehreren Messerstichen und Brüchen ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Die Ursachen für diesen Gewaltakt werden noch untersucht.