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Als ich heute zum Bäcker ging, um mir ein Brot und ein paar Brötchen zu kaufen und nebenbei noch etwas Luft zu schnappen – ich sehe davon ab, von frischer Luft zu reden, denn wie sollte die frische Luft nach Berlin-Neukölln gelangen – von der ich hoffte, dass sie eventuell bei der Vertreibung meiner Kopfschmerzen behilflich sein könnte – war sie aber nicht, was sicher daran liegt, dass es eben einfach nur Luft statt frischer Luft war – machte mir die freundliche, gebrochen deutsch sprechende Servicekraft ein tolles Angebot: sie verkaufte alles, was sich im rechten Bereich der Verkaufstheke befindet – also von ihr gesehen aus im rechten Bereich, von mir aus gesehen demzufolge im linken – zum Spottpreis von je drei Teilen zu einem Euro!

Schade nur, dass ich als Single schon mit zwei Teilen mehr als bedient bin. Natürlich hätte ich trotzdem von allem drei Teile nehmen und den dritten Teil in einem Fresspaket in die dritte Welt schicken können. Da aber so eine Reise ganz schön lang und das Zeug immer schon nach einem Tag hart ist, erachtete ich es als wesentlich sinnvoller, stattdessen den Euro zu spenden – der ist nämlich eh schon hart.

Übrigens war das Krustenbrot, das ich immer kaufe, das letzte und ich brauchte keine drei Brote nehmen. Glück muss der Mensch haben.

Gestern Nacht hatte ich eine Mücke im Schlafzimmer.
Ich konnte sie nicht nur hören, sondern auch sehen, weil die Leselampe an war (ich lese gerade “Der Minus-Mann”). Dieses Viech war so unverfroren, dass es nicht einmal flüchtete, als ich es zwischen meinen Händen zu zerquetschen suchte. Sie kannte meine Treffsicherheit wohl besser als ich.

Nun hätte ich ja meine elektrische Fliegenklatsche benutzen können, um den Blutsauger zu killen. Zum einen ist deren Fläche größer als die meiner kleinen Patschhändchen. Zum anderen hätte ich mich auch nicht mit den Überresten einer zerquetschen Mücke an den Händen rumärgern müssen. Die aber lag am anderen Ende der Wohnung im Büro (also die Klatsche).

Unvorsichtigerweise setzte sich das Viech dann aber an die Wand. Wohl, um mich entspannt zurückgelehnt zu verhöhnen. Und das wurde ihr zum Verhängnis: Der Minus-Mann machte sie platt. Zielgenau und gnadenlos.

Ob diese funktionellen Eigenschaften auch auf den Inhalt des Buches zutreffen, erzähle ich Dir, wenn ich es ausgelesen habe.

Ich hab Dich zur Bahn gebracht. Wie jeden Sonntagabend. Noch sieben Minuten bleiben uns zum Abschiednehmen.

“Du hast Dein Buch vergessen”, fällt mir zwischen zwei Küssen ein. Aufgeschlagen blieb es nach dem Vorlesen auf dem Sessel liegen. Dein Aufbruch war hektisch, keine Zeit zu checken, ob Du alles dabei hast. Nur keine Minute der Zweisamkeit verschenken.

Nein, ich lese nicht allein weiter”, verspreche ich nur zu gern. “Auch wenn ich neugierig bin, wie die Geschichte weiter geht – natürlich warte ich, bis Du wieder da bist.” Ich liebe es, wenn Du mir vorliest. Am Telefon, wenn Du fort bist; neben Dir liegend, wenn wir zusammen sind.

Die Bahn fährt ein, ein letzter Kuss. 350 Kilometer liegen zwischen uns, wenn Du am Zielbahnhof aussteigst. 350 Kilometer und fünf Tage bis zum Wiedersehen.

Zurück in der Wohnung erscheint sie mir leerer, wenn Du da warst. Es gibt keine Steigerungsform zu leer? Seitdem ich Dich kenne schon. Für jeden Zustand gibt es eine Steigerungsform, seitdem ich Dich kenne.

Gedankenverloren räume ich die Spülmaschine ein, werfe Deine Handtücher in den Wäschekorb, klappe die Couch zusammen, ordne Kissen und Decke, stecke frische Kerzen in die Kerzenständer. Als ich fertig bin, präsentiert sich die Wohnung als ein geordneter, aufgeräumter Single-Haushalt, bildet den geordneten äußerlichen Rahmen, der mein innerliches Chaos im Zaum halten soll. Ein kläglicher, halbherziger Versuch. Von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn in allen Dingen bist Du.

Ich liege schon im Bett, die Nase vergraben in Deinem T-Shirt, als Dein Anruf kommt: “Hallo Große, bin gut angekommen…”

Nähe ist keine Frage der räumlichen Distanz.

Als ich heute morgen aufstehe, geht mir ein Lied durch den Kopf:

“Gute Reise schöne Rose,
gern lass ich dich gehn,
denn für meinen kleinen Garten
warst du viel zu schön.

Du bist eine falsche Schlange,
lange sah ich das nicht ein.
Darum hab ich keine Bange,
lange bist du nicht allein.”

Ich habe keine Ahnung, wie es da rein gekommen ist. Zwar erinnere ich mich, wild geträumt zu haben, aber was, das habe ich längst vergessen.
Leider vergesse ich fast immer sofort, was ich geträumt habe. Wobei… manchmal ist das vielleicht auch besser so.

Allerdings habe ich auch keine Ahnung, wie ich es nun wieder rausbekomme aus meinem Kopf – das Lied. Im Gegenteil, grübele ich inzwischen darüber nach, wer es wohl gesungen hat. Es muss schon ewig her sein. Ich glaube, es war ein Franzose. Ein kleiner, schmächtiger Kerl. Er sprach die Worte mit “ng” immer falsch aus, nicht weich verbunden, sondern abgehackt. “Schlan-ge” und “lan-ge”. Außerdem beschränkt sich die Platte in meinem Kopf auf Text und Melodie des Refrains, so dass ich jetzt gleich drei Probleme auf einmal habe: Wer war der Sänger? Wie geht es weiter? Und wie, verdammich, kam es in meinen Kopf?

Als ich ins Büro gehe, fällt mein Blick auf die blaue Karte im Postausgangskasten. Noch so ein Mysterium. Am Montag lag sie im Briefkasten. Ein Einschreiben, das nicht zugestellt werden konnte. Ich soll es mir auf dem Postamt abholen. Aber nicht heute. Natürlich habe ich den ganzen Montag darüber nachgedacht, von wem dieses Einschreiben wohl sein könnte und welche Hiobsbotschaft es bringt. Also treibt mich die Neugier am Dienstag schon lange vor Büroschluss hinaus auf die nasskalte Straße. Zum Glück hat die Schlange vor dem Postschalter nicht die übliche monströse Länge. Unglücklicherweise kann die Dame am Schalter den Brief trotz intensiver Recherche nicht finden. Sie startet einen Suchauftrag. Ich soll ihr meine Telefonnummer geben. Sie ruft an, wenn der Brief auftaucht. Heute ist Donnerstag. Anruf kam bis heute keiner. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ein Einschreiben einfach so verschwinden kann.

Die reisende Rose geht mir dennoch nicht aus dem Kopf. Immerhin gesellen sich nach und nach immer mehr Buchstaben zu dem Bild des Sängers in meinem Kopf. Ich muss sie nur noch in die richtige Reihenfolge bringen. Quasimodo? Nein. Amado? Nein. Adamo? Ja! Ich bin mir fast sicher.

Und falls jetzt der eine oder andere von Euch denkt: deren Probleme möchte ich auch mal haben… Vorsicht! Ihr könntet es bereuen, wenn Euer Wunsch in Erfüllung ginge.

Meistens bin ich ja zufrieden mit meinem Singleleben. Ja, ich genieße es sogar, mit mir allein sein zu können, denn es fehlt mir an nichts. Manchmal aber überkommt auch mich ein Bedürfnis nach all dem, was man sich allein nicht wirklich befriedigend geben kann: Nähe, Zärtlichkeit, Zweisamkeit.

Und was ist im Zeitalter der modernen Kommunikation bei jemandem, der ohnehin den ganzen Tag am Rechner sitzt, in einer solchen Phase näherliegend, als sich der unerschöpflichen Möglichkeiten des Netzes zu bedienen? Eben. Nun bekommt man ja die Werbung für diverse adäquate Plattformen förmlich um die Ohren gehauen, so dass man statt quälender Suche eher die Qual der Wahl hat. Dass die meisten dieser Angebote kostenpflichtig sind, ist zwar sicherlich der Selektion ernsthaft Suchender aus der Masse der Larifari-Bummler, wie ich einer bin, dienlich. Aber wie gesagt, so sehr drückt der Schuh nicht, dass ich Geld für einen neuen investieren würde. Von daher kam mir der Tipp einer Freundin gerade recht: 30 Tage kostenloses Probe-Flirten mit allen kostenpflichtigen Features. Tolle Sache! Dachte ich so für mich. Füllte den Fragebogen mit den geforderten technischen Daten aus, tippte ein paar Zeilen Freitext, lud ein Foto auf den Server, war auch zügig freigeschaltet und damit “ready to go”.

Tja – ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten und was ich mir vorgestellt hatte. Vermutlich war ich zu sehr meinen – größtenteils guten – Erfahrungen in Internetforen verhaftet, in denen durch das Schreiben und Kommentieren zu den verschiedensten Themen Interesse geweckt wird, man sich im Austausch “kennenlernt” und das Bedürfnis entsteht, den anderen persönlich zu erleben.

Aber: so läuft das nicht! Du sitzt vor einem virtuellen Katalog und klickst dich durch die Produktabbildungen, unterstützend zur rein optisch orientierten Auswahl stehen lediglich Baujahr, Abmessung und Auslieferungslager zur Verfügung. Erst der Klick auf ein äußerlich ansprechendes Produkt führt dich zu den technischen Details. Eine Produktbeschreibung gehört nicht zum Standard. Die Kontaktaufnahme erfolgt größtenteils über einen “Sympathieklick”, mit dem der Kunde ganz bequem und ohne großen Aufwand Interesse an einem Produkt bekunden kann. In deinem Profil steht dann die Meldung “Er mag dich”. Solltest du zurückklicken, ändert sich die Meldung in “Wir mögen uns” – ratzfatz und ohne eine Wort miteinander gewechselt zu haben. Mögen leichtgemacht, sozusagen.

Nun bin ich ja trotz mitunter antiquierter Ansichten eine Frau, die schon auch einmal den ersten Schritt macht. Den dann allerdings nicht in Form eines Sympathieklicks – die Dinger sind mir suspekt. Ich schreibe dann ein paar Zeilen, warum meine Wahl ausgerechnet auf ihn fiel, und harre der Dinge, die nun geschehen. In den meisten Fällen geschieht nicht viel. Immerhin ringt man(n) sich zwei Zeilen ab, die die Telefonnummer und die Bemerkung beinhalten, dass man nicht gern lang hin- und herschreibe. Wow! Wenn das nicht geradlinig und spontan ist.

Nachdem ich mich einige male eingeloggt hatte, ertappte ich mich dabei, dass die Kaufhausmentalität bereits auf mich abgefärbt hatte. Ich klickte mich durch den Katalog und sortierte munter und oberflächlich aus: zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu alt, zu weit weg, zu nahe dran… Als mir das bewusst wurde, verpasste ich mir mit der Bemerkung “Was tust du hier eigentlich??!!” den denkfähigkeitsfördernden Klaps auf den Hinterkopf selbst. Er wirkte, denn mir wurde klar, dass ich genau das bekommen hatte, was auf der Packung steht: eine Single-Börse eben.

Und noch etwas wurde mir klar: Single-Börsen sind einfach nicht mein Ding.