Archiv für die Kategorie Familienbande

“Hi Kleines! Alles klar bei dir?”
Er stand mit einer Selbstverständlichkeit den großen Bruder mimend vor ihrer Tür, als wären sie noch Kinder und nur das etwas schiefe Lächeln verriet, dass er sich nicht ganz so sicher fühlte, wie er tat.
“Hallo Lieblingsbruder”, schloss sie ihn freudig in die Arme, “das sollte ich wohl besser dich fragen. Komm rein. Aber mach nicht so laut. Der Kleine schläft.”
Sie deutete mit der linken Hand auf das Gitterbett neben der Spüle, während sie ihn mit der rechten Hand am Ärmel seines verwaschenen Parkas durch die winzige Küche ins Wohnzimmer zog.
“Zieh dich aus, setz dich, ich mach uns einen Kaffee”.

Alleingelassen schaute er sich in dem kleinen Zimmer um. Der Kachelofen auf der einen und die Fensterfront auf der gegenüberliegenden Seite ließen nicht viel Raum für Möbel. Eine Schlafcouch, davor ein kleiner Couchtisch, gegenüber eine Vitrine, die ihre besten Zeiten wohl vor dem zweiten Weltkrieg hatte. Diese Enge erklärte dann auch das Kinderbett in der Küche. Nicht, dass er einen Palast erwartet hatte. Aber das hier bot nicht viel mehr Komfort als die Zellen, in denen er die letzten Jahre verbracht hatte.

“Warst du schon bei unseren Eltern?” fragte sie ihn als erstes, als sie mit dem Kaffee zurück ins Zimmer kam, sich neben ihn auf die Couch setzte und sich endlich Zeit nahm, ihn genauer zu betrachten. Schmal war er und blass. Nicht nur die stümperhaften Tattoos auf beiden Armen ließen auf seinen Knastaufenthalt schließen.
“Wozu?” fragte er zurück. “Für die bin ich doch damals gestorben.”
Damals, das war, als er das erste mal einsaß, wegen Westflucht, die Stasi ins Haus kam und nicht nur Fragen, sondern auch alles auf den Kopf stellte. Damals, da war er sechzehn, sie vierzehn und sie waren unzertrennlich. Danach war er mehr im Knast als draußen. Sie hatte ihn nur ein einziges mal besucht, fand die Durchsuchung vor dem Betreten des Besucherzimmers ebenso unerträglich wie die ständige Anwesenheit eines Vollzugsbeamten, der sie von seinem seitlich des Besuchertisches platzierten Stuhl aus beobachtete. Nach diesem Besuch schrieb sie ihm nur noch. Auch wenn sie deshalb ab und zu ein schlechtes Gewissen hatte.

“Und was hast du jetzt vor? Hast du schon eine Bleibe?” nahm sie das Gespräch wieder auf.
“Na ja, eigentlich dachte ich, ich könnte erst einmal bei Dir unterkommen. Aber ich sehe schon, dass das nichts wird. Hier ist ja nicht einmal genug Platz für zwei.”
“Stimmt”, gab sie zurück, “dafür ist es tatsächlich etwas zu eng hier.”
“Macht nichts, Kleines, ich komm schon zurecht”, winkte er ab. “Wenn du vielleicht wenigsten ein paar Mark übrig hast…?”
“Na ja, wirklich übrig habe ich nichts.”
Sie stand auf, ging zur Vitrine, zog eine der Schubladen auf und holte mehrere beschriftete Umschläge heraus. “Miete” stand auf dem einen, “Strom” auf einem anderen, “Lebensmittel” auf einem dritten. Schließlich hatte sie den gesuchten Umschlag mit der Aufschrift “Notgroschen” gefunden, öffnete ihn, nahm die zwanzig Mark, die sich darin befanden, heraus und reichte sie seufzend ihrem Bruder. “Mehr habe ich leider nicht.”
“Super! Danke dir! Das hilft mir doch schon mal weiter”, er stand auf, nahm das Geld und küsste sie auf beide Wangen, “du bekommst es natürlich zurück, sobald ich wieder flüssig bin!”
“Schon O.K.”, wehrte sie ab und wandte sich leicht verschämt ob seiner überschwänglichen Dankesbezeugung der Tür zu, hinter der sich ihr Sohn bemerkbar gemacht hatte. “Da hat wohl jemand Hunger”, sagte sie lächelnd. Aber du bleibst doch noch ein wenig?”

Nachdem sie mit dem frisch gestillten und gewickelten Säugling zurück kam, erzählte sie ihm von ihrem unerfreulichen Treffen mit den Eltern, als sie mit dem Enkelkind auf dem Arm an der Haustür abgewiesen wurde. Er freute sich, Onkel eines so süßen Babys zu sein und erzählte von seinen Plänen und dass er nun endgültig genug vom Knast hätte. Es war Abend, als sie sich mit einer Umarmung verabschiedeten und er versprach, in den nächsten Tagen wieder vorbeizukommen.

Als sie einige Tage später Geld zum Einkaufen aus dem entsprechenden Umschlag nehmen wollte, war nicht nur dieser Umschlag leer.

Ich denke ziemlich oft an ihn und unsere Beziehung.
Dafür, dass ich damit abgeschlossen habe, eindeutig zu oft.

Ob er auch an mich denkt – so ab und zu?
Wenigstens an meinem Geburtstag? Ich weiß es nicht.
Seit einer kleinen Ewigkeit hab ich ihn nicht gesehen, nicht gesprochen, ich weiß nicht, wie es ihm geht, wie er jetzt lebt.

Mein letzter Versuch, ihn ans Telefon zu bekommen, endete damit, dass mich seine Frau abwimmelte. Das ist nun schon über ein Jahr her.

Ich weiß, sie sind umgezogen, habe auch die neue Adresse und die Telefonnummer, hatte den Hörer schon mehrmals in der Hand – aber nur, um ihn unverrichteter Dinge wieder aufzulegen. Hauptsächlich aus Angst. Aus Angst davor, wie er reagieren wird. Was, wenn er einfach auflegt? So, wie er damals einfach gegangen ist, als ich in der Tür stand. Was, wenn er nur über belanglose Dinge spricht, wie bei unserem letzten Treffen? Obwohl es doch so viel zu sagen und zu fragen gäbe. Was, wenn mich das Gespräch nur noch mehr in der Vermutung bestätigt, dass ich ihm imgrunde egal bin?

Ja, ich fürchte mich davor, dass aus diesem Gefühl Gewissheit werden könnte.
Denn es würde schmerzen. Trotz allem.
Noch bin ich wohl nicht bereit, mich zu stellen. Und – würde es etwas ändern an meiner Unsicherheit, meiner Zerrissenheit, was ihn und mich angeht? Auch das weiß ich nicht.

Ich suche in meinen Erinnerungen nach zärtlichen Momenten, nach Augenblicken der Nähe und der Zuwendung. Ich kann sie an einer Hand abzählen. Aber er hat einen großen Anteil an dem, was mich ausmacht. Dank ihm kann ich hart sein, zumindest gegen mich selbst. Dank ihm weiß ich, dass ich Hilfe in erster Linie bei mir selbst finde. Durch ihn hab ich begriffen, dass Zynismus ein wirksamer Schutzmechanismus ist. Ich habe ihn oft nicht verstanden, verstehe bis heute Vieles nicht. Aber er hat mich geprägt. Dafür bin ich ihm dankbar.

Es ist nicht die Frage nach Schuld oder Nichtschuld, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Es ist auch nicht die Frage nach dem Warum. Die Frage, die mich nicht loslässt, ist die nach der Liebe: seiner Liebe zu mir, meiner Liebe zu ihm. Aber ich habe keine Antwort.

Und allmählich weiß ich nicht mehr, welche Angst größer ist: die Angst, eine Antwort zu bekommen oder die Angst, keine Antwort zu bekommen.

Die Angst lähmt mich. Das ist nicht gut. Mein Vater ist über 80 Jahre alt. Eines Tages wird es zu spät sein.

Ich glaube, das ist meine größte Angst.