Das abgetragene Kleid war viel zu weit für ihren kleinen schmächtigen Körper, das kurze blonde Haar ungekämmt und zerzaust, der abgewetzte Rucksack schlug ihr bei jedem Schritt in die knochigen Kniekehlen. Sie kannte den Weg gut und strebte entschlossen ihrem Ziel entgegen. Aus diesem Grund fiel wohl auch niemandem auf, dass die Kleine ganz allein unterwegs war. Selbst der Busfahrer, an dem sie beim Einsteigen vorbei musste, gab sich mit der Antwort zufrieden, dass sie auf dem Weg zu den Großeltern sei. Die allerdings schlugen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mutterseelenallein und abgerissen, dabei aber glücklich und stolz bei ihnen auftauchte und brachten sie noch am gleichen Tag zurück nach Hause. Sie war keine fünf Jahre, es war ihr erster Fluchtversuch und sie lernte daraus. Wenn man ausreißen will ist es keine gute Idee, Zuflucht innerhalb der Familie zu suchen.
Diese Erfahrung beherzigte sie dann auch, als sie ein Jahr später wieder ihr Bündel schnürte, um davonzulaufen und überquerte als erstes die Brücke zum anderen Flussufer. Den ganzen Nachmittag verbrachte sie damit, flussaufwärts zu stromern und flache Steine über das Wasser hüpfen zu lassen. Bis sie die abendliche Kühle und die einsetzende Dämmerung endlich in das unbekannte, aber erleuchtete Labyrinth der Straßen trieb, in dem sie ziellos und verloren umherirrte, während ihre Entschlossenheit in dem Maße schwand, wie die Dunkelheit zunahm, und nach Stunden schließlich ein kleines, ängstliches Mädchen durch die Nacht lief, dessen Magen knurrte, dem die Füße schmerzten und das nur mühsam die Tränen niederkämpfte.
Als sie der Hunger vor dem Fenster eines Schnellrestaurants festhielt, lief ihr beim Anblick der Sandwiches in der Auslage unwillkürlich das Wasser im Mund zusammen. Der Anblick dieser für sie unerreichbaren Köstlichkeit nahm sie so gefangen, dass sie sich gar nicht loszureißen vermochte.
“Na Kleine, hast wohl Hunger?” schreckte sie eine Stimme aus ihrer Verzückung. Sie hatte den jungen Mann, der neben ihr stand und sie lächelnd und zugleich fragend musterte, nicht bemerkt.
“Nein”, log sie trotzig und ohne ihn anzusehen.
“Na, ob ich dir das glauben soll?” erwiderte er und zog dabei eine alberne Grimasse, wurde aber sofort wieder ernst. “Was machst du eigentlich so spät in der Nacht ganz allein hier draußen? Lass mich raten… du bist von zu Hause ausgebüxt.” Bei diesen Worten drehte sie sich doch zu dem Burschen um und schaute ihn erschrocken an, sagte aber kein Wort. “Hab ich mir’s doch gedacht”, fuhr er fort. “Pass auf, Kleine. Ich kann dich hier nicht einfach stehen lassen. Vorschlag: wir gehen jetzt zusammen da rein, ich hol dir etwas zu essen und dann bring ich dich nach Hause. Weißt du denn, wo es lang geht?” Sie schüttelte nur stumm den Kopf, während sich die Gedanken darin förmlich überschlugen. Zu Hause war der Vater, vor dessen Strafandrohung sie geflüchtet war; hier draußen war es kalt und dunkel, sie fror, sie hatte Hunger, sie war müde, sie hatte keine Ahnung, wo sie ist und sie wusste nicht, wohin. Vielleicht würde die Strafe zu Hause ja nicht ganz so schlimm ausfallen, wenn dieser junge Mann dabei wäre. Vor ihm würde sich der Vater bestimmt zusammenreißen.
“Hm, wenn du nicht weißt, wo es lang geht… kannst du dann wenigstens beschreiben, wo du wohnst?”
Sie nickte. Das konnte sie. In ihrer Umgebung kannte sie sich gut aus. Also erzählte sie dem Burschen vom Park hinter dem Haus, von der Schule direkt daneben, der kaputten Kirche neben der Seilbahn. Als das Wort “Seilbahn” fiel war er es, der nickte. “Alles klar. Ich weiß, wo das ist. Dann wollen wir mal.” Damit fasste er sie einfach bei der Hand, zog sie an die Theke des Restaurants und kaufte ein Salami-Brot, das sie jedoch – sei es aus Stolz, aus Scham oder einer Mischung aus beidem – trotz des nagenden Hungers nicht anrührte. Sie würde es zu Hause, dort, wo niemand zuschaut, essen.
Er hielt es noch immer in der Hand, als er nach einem schweigsamen Marsch, auf dessen letzten Metern er sie mit jedem Schritt mehr vorwärts ziehen musste, auf den Klingelknopf drückte. Wie befürchtet war es ihr Vater, der die Tür öffnete.
“Guten Abend. Sie hatte sich wohl verlaufen”, begann der junge Mann das Gespräch und gab der Kleinen einen Schubs in Richtung der Tür. “Aber es war kaum ein Wort aus ihr herauszukriegen. Das hier hat sie auch nicht angerührt”, fügte er hinzu und reichte dem Vater das verschmähte Wurstbrot.
“Ja, vielen Dank”, erwiderte der, schob seine Tochter in die Wohnung, nahm das Brot und schloss ohne weiteren Kommentar die Wohnungstür.
Er sprach kein Wort, als er sich danach seiner Tochter zuwandte. Aber die Ohrfeige war so kräftig, dass der kleine Körper durch den ganzen Flur geschleudert und erst von dem wuchtigen Kleiderschrank aufgehalten wurde. “Und jetzt sieh zu, dass du ins Bett kommst”, raunzte er dann noch, bevor er sich das Brot in den Mund schob und mit einem Bissen hinunterschluckte. Sie rappelte sich auf, schluckte die Tränen hinunter und wischte mit einer trotzigen Handbewegung das Blut weg, das von der Platzwunde an ihrer Schläfe über die Wange lief. Es hätte schlimmer kommen können. Wenn nur dieser nagende Hunger nicht wäre.
Ihre nächste Flucht würde sie besser vorbereiten.
“Jetzt rase doch nicht so, Frank.”
Er schaute auf den Tacho und nahm den Fuß leicht vom Gas. Sie hatte ja recht. Und warum die gute Stimmung nach dem wider Erwarten schönen Urlaub jetzt auf dem Heimweg noch gefährden. Ja, es war besser gelaufen, als er zu hoffen gewagt hatte. Zwar war es ein gutes Stück Arbeit gewesen, Petra von seinen Urlaubsplänen zu überzeugen, hatte sie doch jede Menge Ausflüchte gefunden, um einem “Familienurlaub mit einer Familie, die gar keine mehr ist”, zu entgehen. Aber wie so oft hatte er die besseren Argumente. Zwei davon saßen dösend auf der Rückbank: ihr siebenjähriger Sohn Felix und die neunjährige, sensible Anna, die unter den Streitereien der Eltern in den vorangegangen Wochen mehr zu leiden schien als ihr Bruder.
Sie hatten die freien Tage am Meer gut genutzt, viel gemeinsam unternommen. Während er mit dem begeisterten Felix am Strand den ausgeliehenen Drachen steigen ließ beobachtete er seine Frau, die mit Anna im frisch von den Wellen angespülten Sand nach Muscheln suchte; ihre schlanke Gestalt, die mit einem Tuch zusammengebundenen langen blonden Haare, die von der Seeluft geröteten Wangen, das unbeschwerte Lachen und spielerische Raufen mit der Tochter um die gleichzeitig entdeckte Muschel. Ihm wurde bewusst, wie blind ihn der Alltag für ihre nicht nur äußerliche Attraktivität gemacht hatte. “Ein Idiot, der das auf’s Spiel setzt” schimpfte er sich selbst und lächelte, als die Beobachtete seinen Blick erwiderte.
Auch Petra hatte während des Spiels mit der Tochter immer wieder einen verstohlenen Blick auf ihren Mann geworfen. So entspannt und liebevoll hatte sie ihn schon lange nicht mehr erlebt. Und wie glücklich Felix aussah. Bei diesem Anblick gratulierte sie sich selbst dazu, Franks Drängen auf diesen Urlaub schließlich doch nachgegeben zu haben. “Vielleicht”, dachte sie, “haben wir ja doch noch eine Chance.”
Abends fielen die Kinder, geschafft von der vielen Bewegung an der Seeluft und spürbar gelöst durch das entspannte Verhältnis zwischen den Eltern, freiwillig und beizeiten ins Bett. Diese ruhigen Abende für längst fällige Gespräche nutzend, versprachen sich Frank und Petra am Tag ihrer Abreise, die Chance wahrzunehmen, die ihnen dieses gegenseitige Wiederentdecken, das Besinnen auf die liebenswerten Eigenschaften des anderen bot.
“Erstaunlich”, sagte Petra, sich bequem auf dem Beifahrersitz zurücklehnend und lächelnd zu Frank hinüberschauend, “wie viel sich in fünf Tagen ändern kann. Vor diesem Urlaub dachte ich noch, unsere Ehe sei nicht mehr zu retten. Und jetzt…”
Die Polizei setzte noch in der Nacht eine 14köpfige Mordkommission ein und begann mit den Ermittlungen, nachdem Unbekannte einen ca. 6 Kilo schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke warfen. Er traf eine Frau, die mit ihrer Familie auf dem Heimweg aus dem Osterurlaub war. Sie war sofort tot, ihr Mann und ihre Kinder stehen unter Schock. Die Polizei sucht nach Zeugen.
Träge drehte sie sich auf den Bauch, um das Zifferblatt des Radioweckers erkennen zu können. “Oh Shit! Schon so spät!” fluchte sie, wand sich aus seinen Armen und sprang aus dem Bett. “Bleib doch heute Nacht hier.” Sein Blick ruhte fragend und bittend zugleich auf ihr, während sie hastig begann, sich anzuziehen. “Fang bitte nicht schon wieder damit an. Wir haben das doch schon zig mal durchgekaut.” Sie steckte die Bluse in die Jeans, raffte das lange braune Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und beugte sich, einen versöhnlichen Kuss auf seine Lippen hauchend, zu ihm hinunter. “Ich muss los. Bin schon viel zu spät dran”. Sie versuchte, seine Hand abzustreifen, die ihren Arm umfasst hatte, aber er ließ nicht los. “Wenn du mich liebst, dann bleibst du.”
Er biss sich auf die Lippen, bereute diesen Satz, kaum dass er ihn ausgesprochen hatte. Aber es war zu spät. Der Satz war gesagt, die Vereinbarung gebrochen. “Warum machst Du alles kaputt?” fragte sie. Ihre Stimme klang müde und brüchig.”Nicht nur, dass Deine Erpressung unfair ist. Wir hatten eine Vereinbarung.” Er ließ sie los und sprang auf. “Ja, hatten wir. Daran musst Du mich nicht erinnern. Aber Gefühle halten sich nun mal an keine Vereinbarungen. Und ich will und kann Dich nicht länger mit ihm teilen!” Sie wendete sich ab und ging zur Tür. “Dein Problem. Du wusstest von Anfang an, dass ich ihn nicht verlassen werde.” Er setzte zu einer Erwiderung an, suchte verzweifelt nach Argumenten, wollte sie zwingen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, aber sie stand schon in der Tür. “Machs gut”, war alles, was sie sagte, dann fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
Nun war es also doch geschehen. Sie hatte es kommen sehen, aber immer wieder erfolgreich verdrängt. Vermutlich wollte sie es sich auch nur nicht eingestehen, weil alles so gut lief. Die Fronten waren geklärt, ihre Dreiecksbeziehung hatte sich eingespielt, alle waren zufrieden. War sie tatsächlich so naiv gewesen, daran zu glauben, dass so etwas auf Dauer funktionieren kann? Erst jetzt nahm sie den Regen wahr, der eingesetzt hatte, und sie begann zu laufen. Nach Hause, wo ihr Mann auf sie wartete.
“Du kommst spät”, empfing er sie schon an der Tür. “Du warst bei ihm?”
“Natürlich”, sagte sie und wich seinem Blick aus. “Wie jeden Donnerstag.”
“Weinst Du etwa?”
Sie schüttelte den Kopf. “Nicht doch. Der Regen… Du solltest bei der Kälte nicht ohne Decke hier draußen stehen.”
Sie schob seinen Rollstuhl von der Diele in Richtung Küche. “Komm, ich mach uns einen heißen Tee.”
Es sind nur Buchstaben. Aneinander gereiht zu Worten. Zusammengefügt zu Sätzen.
Aber ich mag Menschen, die mit Sprache umzugehen wissen, die mit Worten Bilder malen können, deren Geschichten mein Kopfkino in Gang setzen.
Ihm gelingt das spielend. Mit leichter Hand bedient er die Klaviatur der Gefühle, lässt mich lächeln und zürnen, weckt bittersüße Sehnsüchte und schmerzhafte Erinnerungen. Er verführt mich zum Träumen, wenn zärtliche Worte die ausgehungerte Seele streicheln. Und er lässt mich nach Atem ringen, wenn seine Worte hart in die Magengrube treffen.
Manchmal wünsche ich mir, malen zu können; möchte die Bilder festhalten, die mich umtanzen wie Schmetterlinge – bunt und schön und doch nicht greifbar. Manchmal verfluche ich ihn, wenn es mir auch nach langen schlaflosen Stunden nicht gelingen will, das Ameisenbataillon zu vertreiben, das zum Sturm auf meine Ratio geblasen hat und unter meiner Haut brennt. Dann kommt mir Jean Paul Sartre in den Sinn: “Die Worte sind Fallen, denen man nicht entgehen kann.”
Kann man nicht jeder Falle entgehen, wenn man sich der Gefahr bewusst ist?
Ich gebe den sinnlosen Kampf um ein paar Stunden Schlaf auf, klappe den Laptop auf und logge mich ein.
Vielleicht hat er ja eine neue Geschichte eingestellt…
Sie waren aneinander vorbeigelaufen.
Das erfuhr er von der Schwester am Empfang als sie ihm sagte, Herr Fischer hätte vor ein paar Minuten das Haus verlassen. “Sie müssten ihm eigentlich beim Hereinkommen begegnet sein. Er trägt einen hellblauen Blouson.”
Er war ihm begegnet, ohne ihn zu erkennen.
Wie hätte er ihn auch erkennen sollen. Erinnerung an ihn hatte er keine, kannte ihn nur von Fotos. Und die waren knapp 30 Jahre alt, zeigten einen jungen Kerl mit breiten Schultern, einem schmalen, braungebrannten Gesicht und vollem schwarzem Haar.
Nachdem er zurück auf der Straße war, entdeckte er den hellblauen Blouson auf der anderen Straßenseite. Er beobachtete dessen gebeugt gehenden Träger nur kurz. Viel Zeit blieb ihm nicht, wenn er ihn nicht aus den Augen verlieren wollte. Keine Zeit zu überlegen, wie er ihn ansprechen sollte. Das würde sich ergeben. Jetzt nur keine Angst vor der eigenen Courage.
Tänzelnd dem fließenden Verkehr ausweichend überquerte er rasch die Fahrbahn, schloss mit zügigen Schritten zu dem Mann im hellblauen Blouson auf und tippte ihm auf die Schulter. „Hi! Hast du fünf Minuten Zeit?“ Langsam drehte sich der Angesprochene um und schaute mit müden Augen auf zu dem jungen Burschen, der mindestens zwei Köpfe größer war als er selbst. „Bloß, wenn du ne Zigarette für mich hast. Kenn wir uns?“ Bereitwillig zog der junge Mann seine Zigaretten aus der Tasche, bot seinem Gegenüber eine an, nahm sich selbst auch eine und gab beiden Feuer. Während er mit tiefen Zügen inhalierte, studierte er das Gesicht vor sich: das Haar grau, aber immer noch voll, die Stirn zerfurcht, die Augen erloschen, die Wangen verhärmt und ebenfalls grau, der Mund, fast aller Zähne beraubt, eingefallen, für einen 53jährigen eindeutig zu alt aussehend.
Das aufkeimende Mitleid niederkämpfend antwortete er schließlich.
„Du wirst dich kaum an mich erinnern. Andreas, dein Sohn.“
„Ach – Andreas… wir ham uns ja lange nich gesehen. Groß biste geworden.“
Der Mann zeigte keine Gefühlsregung. Sollte er überrascht sein, dann verbarg er das sehr gut.
„Stimmt. Ich war drei und es ist 27 Jahre her.“
„Ach – so lange schon? Was machst’n du hier? Iss dein Bruder auch da?“
„Du erinnerst dich an meinen Bruder? Nein, der ist nicht da. Ich mache hier Kurzurlaub mit meiner Freundin. Und da dachte ich, ich schau mal, wie du lebst.“
„Die halten uns hier ganz schön knapp! Jeden Cent kriegste zugeteilt. Wie geht’s deiner Mutter?“
„Meiner Mutter geht’s gut. Danke.“
„Haste noch ne Zigarette für mich?“
„Natürlich…“ Er reichte ihm die Packung. „Bedien dich.“
Der Mann im hellblauen Blouson steckte die Packung ein. „Ich muss dann nämlich weiter. Ausgang iss bloß bis Sechse und ich muss noch zu trinken organisieren. Aber – war toll, dich zu sehn.“