Regen trommelt gegen das Fenster, als ich frisch geduscht aus dem Badezimmer komme. Ich aber fühle mich blau. Himmelblau würde es besser treffen, wenn es nicht so widersprüchlich zu dem Bild wäre, das der Blick aus dem Fenster bietet, auf einen Himmel, der bleigrau ist und schwer und der zu weinen scheint.
Mir ist nicht zum Weinen. Ganz und gar nicht. Mir ist himmelblau und federleicht und warm. Wenn ich eine Katze hätte, läge sie schnurrend auf meinem Schoß, angelockt von dem Wohlgefühl, das ich ausstrahle. Sie würde, sich wohlig räkelnd, die Pfoten von sich strecken, mit den Krallen verspielt Fäden in meinem sonnenblumengelben Bademantel ziehen und Streicheleinheiten fordernd ihren weichen Bauch präsentieren.
Ich schenke mir ein weiteres Glas meines geliebten Orangenblüten-Oolongs ein und mein Blick fällt auf die Vase mit den goldgelben Gerberas. Ich habe sie mir selbst gekauft. Wie immer. Stelle mir aber vor, sie wären von ihm. Auch wenn ich weiß, dass er keine Blumen schenkt. Egal. Man wird ja noch träumen dürfen.
Ein harmloser, unschuldiger Tagtraum.
Denn die Nächte sind reserviert für die weniger unschuldigen Träume.
Diese schwülen Nächte, in denen sich meine nichtvorhandene Katze nicht blicken ließe, weil sie streunend nach dem passenden Kater sucht. Diese heißen Nächte, die keine Abkühlung bringen, sondern die Phantasie anheizen. Diese kurzen Nächte, in denen ich seine schmeichelnden, zärtlichen, lockenden Worte mit in den unruhigen Schlaf nehme.
Als das gleichmäßig klopfende Geräusch der Regentropfen verstummt, holt mich die plötzlich einsetzende Stille zurück aus meinen Gedanken. Der Blick aus dem Fenster lässt mich lächeln, denn selbst der Himmel konnte wohl nicht widerstehen: jetzt ist er genau so himmelblau, wie ich mich fühle.
Als ich die Verandatür öffne, um die frischgewaschene Luft hereinzulassen, springt eine graugetigerte Katze vom Fenstersims und spaziert lässigen Schrittes mit erhobenem Kopf davon. Ich könnte schwören, sie hat gegrinst.
Irgendwo muss noch die Telefonnummer vom Tierheim herumliegen…
Dieser Sommer war unerträglich heiß. Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Dazu verurteilt, im Büro sitzen zu müssen, gab es kein Entrinnen. Und dann, als die Hoffnung schon beinahe ähnlich vertrocknet war wie die Balkonpflanzen, war es endlich so weit: Wind kam auf… erst eine leichte Brise, die die aufgeheizte Luft allerdings nur umzuschichten in der Lage war. Dann – ich war gerade dabei, meine vor Durst vergehenden Balkonpflanzen zu nässen, fielen die ersten zaghaften Tropfen und verdampften, noch bevor sie die Erde berührten.
Ich setzte mich auf den Balkon, um nur ja keinen Windhauch und keinen Regentropfen zu versäumen, im Altenheim gegenüber begann ein kollektives Fensteraufreißen und einträchtig und mit verzücktem Lächeln hielten wir unsere Gesichter trotzig in den stärker werdenden Regen und genossen den aufböenden Wind, bis ein Urknall in Form eines gewaltigen Donners uns zusammenzucken ließ, die Köpfe gegenüber eingezogen und die Fenster hastig geschlossen wurden und ich nunmehr alleingelassen den Naturgewalten trotzte.
Man konnte das erleichterte Seufzen der Natur förmlich hören, als der Regen endlich stark genug war, die Erde zu erreichen, der Asphalt dampfte, die Blätter der Bäume saugten die Feuchtigkeit auf und sorgten für diesen ganz charakteristischen Duft – es war absolut und hammermäßig ein Genuss für alle Sinne!
Allerdings leider viel zu kurz – im wahrsten Sinne des Wortes ein Tropfen auf den heißen Stein – denn wenig später war es nicht nur warm (zum Abkühlen hatte das kleine Möchtegerngewitter nicht ausgereicht), sondern schwül.
Nun saß ich wieder im Büro, aus allen Poren schwitzend, ohne etwas zu bewegen außer meinen Fingern auf der Tastatur, bar jeder Antriebskraft, mich wehmütig an den kurzen, erfrischenden Augenblick erinnernd.
Dabei stand mir der Sinn nach bindfädenförmigem Regen, nach Gullys, denen das Wasser zu den Ohren rauskommt, nach Pflanzen und Bäumen, denen der Regen den ganzen Staub der letzten Wochen abgewaschen hat und die sich nun erholt und gestärkt in alle Richtungen recken und strecken, nach Pfützen, in denen jauchzende Kinder herumhüpfen, nach Fenstern, die der Regen so blank gewaschen hat, dass ich mir das Putzen sparen kann.
Vielleicht würde es mir ja gelingen, mich mit der Aussicht auf einen etwas längeren Sommerregen zu einem Regentanz zu motivieren…
Er zaubert Glanz auf den sonst grauen Asphalt.
Ich schau hinaus und denke unwillkürlich an dich.
Denn der Glanz gleicht dem deiner Augen,
wenn wir uns endlich wiedersahen…
Das Fensterglas kühlt meine heiße Stirn –
und der Regen mischt sich mit meinen Tränen.