Die Nacht war mild. Sie roch nach dem Dunst der Großstadt, dem Mief des Kietzes, in dessen heruntergekommenen Kaschemmen die Verzweifelten und Einsamen ihre Resignation ertränkten, und mit jedem ihrer weit ausholenden Schritte, die sie ihm näher brachten, mehr und mehr nach Freiheit und Abenteuer.
Mit ihm würde alles anders werden. Mit ihm war alles aufregend. Aufregend und schön. Er war aufmerksam, liebevoll, zärtlich, charmant. Er war all das, was dieser Langweiler, den sie gerade verlassen hatte, nicht war. Zumindest nicht mehr. Anfangs hatte natürlich auch er sich Mühe gegeben und sie umworben. Aber nachdem sie verheiratet waren wurde er zusehends zu dem langweiligen Loser, der er jetzt war: zu müde von der Arbeit kommend, um auszugehen, zu blind, um ihre Bemühungen um ein kuscheliges Zuhause zu würdigen, zu geizig, um ihre bescheidenen Wünsche zu erfüllen, zu schlaff, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Er wusste sie einfach nicht genug zu schätzen. Er hatte sie und ihre Liebe nicht verdient!
Ihr Schritt war während dieser Überlegungen trotz der schweren Taschen, in die sie rasch und wahllos alles hineingestopft hatte, was ihr unter die Finger kam, und die ihr bei jedem Schritt unangenehm gegen die Waden schlugen, unwillkürlich noch entschlossener geworden. Was war schon diese kurze, unangenehme Plackerei gegen das neue Leben, das vor ihr lag. Ein Leben mit ihm – Antoine… Allein der Klang dieses Namens verursachte ihr wohlige Schauer. Wieder und wieder ließ sie ihn sich auf der Zunge zergehen. Antoine… Ein Name, der so viel verspricht. Und ein Mann, der hält, was sein Name verspricht.
Mit ihm würde sie all die Städte sehen, von denen er so aufregend wie unterhaltsam zu erzählen wusste. Er hatte sie alle bereist – Paris, Rom, Venedig, Genf, Wien – kannte sie, wie seine eigene Westentasche und wollte ihr all die geheimen Plätze zeigen, an die sich kein Tourist verirrt. Seine Lieblingsplätze – und nur mit ihr wird er sie teilen. Welch aufregender und zugleich romantischer Gedanke.
Beflügelt von derlei Phantasien erreichte sie schließlich, vor Erschöpfung und Aufregung zitternd, seine Haustür. Nur lächerliche 86 Stufen trennten sie jetzt noch vom großen Glück. Wie gern wäre sie ihm, atemlos immer zwei Stufen auf einmal nehmend, entgegen und in die weit geöffneten Arme geflogen. Genau so wie ihre Vorbilder in den Liebesfilmen, die sie aufsog, wie ein trockener Schwamm: allen Widrigkeiten trotzend, unbeirrt um ihre Liebe kämpfend und selbiger zum Sieg verhelfend. Das große Finale, in dem sich die Liebenden endlich glückselig in die Arme sanken, rührte sie jedes mal zu Tränen. Und auch jetzt, zur Heldin im eigenen Liebesfilm avanciert, tupfte sie verstohlen ein paar Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln, bevor sie zum großen Finale schritt und auf den Klingelknopf drückte. Leider hinderten sie zwei schwere Taschen und 86 Stufen am Fliegen, aber seine Freude über ihren überraschenden Entschluss würde sie für diesen kleinen Wermutstropfen doppelt und dreifach entschädigen.
“Oh Cherie, welch wundervolle Idee dein Überraschungsbesuch ist”, begrüßte sie der Geliebte dann auch schon an der Tür. “Du willst verreisen?” setzte er mit einem fragenden Blick auf ihr Gepäck hinzu. “Das auch, Liebster… das auch. Einmal mit dir rund um die Welt.” Sie seufzte tief und heftig. “Für den Anfang genügt es mir aber, einfach nur bei dir zu sein.” Und jetzt endlich war der ersehnte Augenblick gekommen, alle Last von sich und sich selbst in die starken, zuverlässigen Arme des geliebten Mannes fallen zu lassen. Das sich anschließende ausgiebige Liebesspiel war von einer brennenden Leidenschaft, die nur von seiner Begeisterung über ihren mutigen Entschluss geschürt sein konnte, ihren Mann zu verlassen und sich ganz ihm zu schenken. “Oh ja”, stöhnte sie erhitzt und selig, “liebe mich, als ob es kein Morgen gäbe.”
Es waren noch keine sechs Wochen vergangen, als sie begann, sich zu ihrem verlassenen Langweiler zurück zu wünschen. Der ging wenigstens einer geregelten Arbeit nach und brachte Geld nach Hause. Und sonntags ging er sogar mit ihr essen. Während ihr Möchtegernfranzose Antoine, der, wie sich herausstellte, in Wirklichkeit schnöde Anton hieß und noch nie aus dem Kietz herausgekommen war, sich mit Aushilfsjobs über Wasser hielt und ständig an ihr herummäkelte. Als er sie schließlich sogar arbeiten schicken wollte, wusste sie, was sie zu tun hatte.
Per Mausklick überspring ich Meridiane,
die Reise dauert einen Wimpernschlag.
Durchquer die Wüste, tauch in Ozeane,
bereis die ganze Welt an einem Tag.
Und auch der Himmel bleibt mir nicht verschlossen.
Ich flieg durch’s All und lande auf dem Mond.
Schon klick ich weiter, forsch und unverdrossen.
Nichts, was erreichbar, wird von mir verschont.
Und hab ich mich dann endlich satt gesehen,
mach ich den Rechner lange noch nicht aus,
denn jetzt muss ich noch in den Chatraum gehen -
hier lass ich meine Emotionen raus.
Hier treff ich Gleichgesinnte, Freunde, Feinde,
hier streite ich und manchmal flirt ich auch.
Ich fühl mich wohl in meiner Chatgemeinde,
denn hier bekomm ich alles, was ich brauch.
So hol ich mir die ganze Welt ins Zimmer.
Zwar nicht real, dafür bequem und schnell.
Die, die da unken, haben keinen Schimmer
wie cool das Leben ist – so virtuell.
Die labern was von Menschen und von Nähe
und wundern sich, dass mir so gar nichts fehlt.
Vernagelt sind sie! So wie ich das sehe,
ist es der blanke Neid, der sie da quält.
Was soll’s. Ich lass mich davon nicht schockieren.
Das Netz gibt meinem Leben seinen Sinn.
Und auch wenn’s die Idioten nicht kapieren:
Ich leb mein Leben online – ich bleib drin.
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SIE *besorgt*: Liebling… hast du was?
ER *entspannt*: Nein, alles in Ordnung.
….
….
….
SIE *noch immer besorgt*: Aber klar hast du was?!
ER *noch immer entspannt*: Nein, Darling, es ist nichts.
….
….
….
SIE *bohrend*: Willst du nicht darüber sprechen?
ER *verständnislos*: Worüber?
SIE *mokiert*: Na darüber, was mit dir los ist.
ER *nicht mehr ganz so entspannt*: Es ist nichts, glaub mir.
….
….
….
SIE *nachdrücklich*: Aber irgendetwas ist! Das merk ich doch!
ER *gar nicht mehr entspannt*: Wenn ich dir doch sage, dass alles o.k. ist…
….
….
….
SIE *fast flehend*: Ich merke ganz genau, das irgend etwas ist!
ER *knurrend*: hmmmmpf
SIE *triumphierend*: Ich sag doch, es stimmt was nicht. Du reagierst so komisch!
….
….
….
SIE *weinerlich*: Warum willst du nicht mit mir darüber reden, was dich bedrückt?
ER *ungehalten*: Weil es nichts gibt, was mich bedrückt.
….
….
….
SIE *erbost*: Es gab Zeiten, da hast du mit mir über ALLES gesprochen!
ER *um Beherrschung ringend*: Es gab Zeiten, da hast du nicht so genervt!
SIE *vorwurfsvoll*: Du liebst mich halt nicht mehr.
ER *entnervt aber einlenkend*: Aber Schnäuzelchen… natürlich liebe ich dich noch….
SIE *heulend*: Dann würdest du mir sagen, was mit dir los ist…
….
….
….
…und wenn sie nicht gestorben sind…