Ich hab Dich zur Bahn gebracht. Wie jeden Sonntagabend. Noch sieben Minuten bleiben uns zum Abschiednehmen.

“Du hast Dein Buch vergessen”, fällt mir zwischen zwei Küssen ein. Aufgeschlagen blieb es nach dem Vorlesen auf dem Sessel liegen. Dein Aufbruch war hektisch, keine Zeit zu checken, ob Du alles dabei hast. Nur keine Minute der Zweisamkeit verschenken.

Nein, ich lese nicht allein weiter”, verspreche ich nur zu gern. “Auch wenn ich neugierig bin, wie die Geschichte weiter geht – natürlich warte ich, bis Du wieder da bist.” Ich liebe es, wenn Du mir vorliest. Am Telefon, wenn Du fort bist; neben Dir liegend, wenn wir zusammen sind.

Die Bahn fährt ein, ein letzter Kuss. 350 Kilometer liegen zwischen uns, wenn Du am Zielbahnhof aussteigst. 350 Kilometer und fünf Tage bis zum Wiedersehen.

Zurück in der Wohnung erscheint sie mir leerer, wenn Du da warst. Es gibt keine Steigerungsform zu leer? Seitdem ich Dich kenne schon. Für jeden Zustand gibt es eine Steigerungsform, seitdem ich Dich kenne.

Gedankenverloren räume ich die Spülmaschine ein, werfe Deine Handtücher in den Wäschekorb, klappe die Couch zusammen, ordne Kissen und Decke, stecke frische Kerzen in die Kerzenständer. Als ich fertig bin, präsentiert sich die Wohnung als ein geordneter, aufgeräumter Single-Haushalt, bildet den geordneten äußerlichen Rahmen, der mein innerliches Chaos im Zaum halten soll. Ein kläglicher, halbherziger Versuch. Von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn in allen Dingen bist Du.

Ich liege schon im Bett, die Nase vergraben in Deinem T-Shirt, als Dein Anruf kommt: “Hallo Große, bin gut angekommen…”

Nähe ist keine Frage der räumlichen Distanz.

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